Logo goodnews4Plus

Corona-Lage im Klinikum Mittelbaden

Klinik-Chef Thomas Iber: "Trauriger Negativrekord" – "Dimension, wie wir sie nicht gekannt haben"

goodnews4-LogoAUDIO anhören!
goodnews4-AUDIO-Interview von Nadja Milke mit Thomas Iber

Bild Christian Frietsch Bericht von Christian Frietsch
07.04.2021, 00:00 Uhr



Baden-Baden Leider habe sich die Lage über die Osterfeiertage nochmals zugespitzt, erklärte Thomas Iber im goodnews4-AUDIO-Interview. Der Medizinische Geschäftsführer des Klinikum Mittelbaden spricht von einem «traurigen Negativrekord», der am Ostermontag mit 72 COVID-Patienten in der Balger Klinik erreicht wurde. Zehn dieser Patienten liegen auf der Intensivstation.

Während der immer lauter werdenden Diskussionen um die Lockerungen der Corona-Maßnahmen hat Thomas Iber ganz andere Sorgen und registriert, «dass sich die dritte Welle auftürmt in einer Dimension, wie wir sie bisher noch nicht gekannt haben». Dagegen sei die erste Welle ein «laues Lüftchen».

Ein schnelles Ende des Ausnahmesituation sieht Thomas Iber nicht: «Wir sind in starker Sorge, wie sich die nächsten vier bis sechs Wochen gestalten werden.» Bereits in der dieser Woche hatte die Klinik planbare Operationen abgesagt. goodnews4.de berichtete.

Im weiteren Verlauf geht der Klinik-Chef auf die Altersstruktur und die Liegedauer der COVID-Patienten ein. Zu den Auswirkungen von fallenden und steigenden Inzidenz-Werte sagte Thomas Iber, dass der «Zeitversatz mindestens zehn bis 14 Tage» betrage. Zur Situation des Personals in der Klinik, erklärte Thomas Iber, dass «mittlerweile zwei Drittel aller Mitarbeitern, in den Risikobereichen nahezu alle Mitarbeiter geimpft» seien. Auch auf die Frage nach den Erfolgen der Briten und den niedrigen Inzidenz-Zahlen in Freiburg geht der Klinik-Chef ein und auch auf das geplante Modell, bei dem mit Hilfe von drei verschiedenen Apps bald Restaurants wieder geöffnet werden sollen.


Abschrift des goodnews4-AUDIO-Interviews mit Thomas Iber, Medizinischer Geschäftsführer Klinikum Mittelbaden:

goodnews4: Herr Iber, nach Ostern wie ist die Lage auf der COVID-Station am Klinik-Standort in Baden-Baden-Balg? Wie viele COVID-Patienten haben Sie in Behandlung und wie geht es den Patienten?

Thomas Iber: Leider hat sich die Lage, so wie die ganze vergangene Woche auch, über die Osterfeiertage nochmals zugespitzt, sodass wir jetzt einen traurigen Negativrekord erreicht haben am Ostermontag mit 72 COVID-Patienten in der Balger Klinik, davon zehn auf der Intensivstation.

goodnews4: Wie bewerten Sie diese Lage im Vergleich zur ersten Welle im Frühjahr 2020 und zweiten Welle zum Jahreswechsel? Sie sprachen gerade von einem Negativrekord mit der höchsten Patientenzahl seit Beginn der Corona-Krise. Was lässt sich sonst im Vergleich zu den anderen beiden Wellen sagen?

Thomas Iber: Man muss sagen, dass sich im Moment gerade die dritte Welle auftürmt in einer Dimension, wie wir sie bisher noch nicht gekannt haben. Dagegen war die erste Welle ein laues Lüftchen. Insoweit sind wir in starker Sorge, wie die nächsten vier bis sechs Wochen sich gestalten werden.

goodnews4: Wie sehen Sie das Verhältnis von Patienten insgesamt zur Zahl der Intensivbetten, die belegt sind mit COVID-Patienten? Lässt sich etwas sagen über eine Veränderung bei der Schwere der Fälle?

Thomas Iber: Was wir sehen, ist, dass die Patienten jünger werden und auch von der Liegedauer etwas länger bei uns auf der Intensivstation sich befinden, was für die Kapazität natürlich eine zusätzliche Herausforderung darstellt. Im Moment sind wir durchaus in einer Situation, wo wir ja schon für diese Woche Dienstag bis Freitag einschließlich elektive, planbare Eingriffe absagen mussten, und der weitere Pandemie-Verlauf bis Ende der Woche wird darüber entscheiden, wie wir nächste Woche weiterverfahren können.

goodnews4: Sie sind ja auch in engem Kontakt mit anderen Kliniken in Baden-Württemberg. Ist die Lage dort genauso angespannt?

Thomas Iber: Die Lage ist weiterhin eher sich anspannend. Wir haben mittlerweile nahezu 90 Prozent aller verfügbaren Intensivkapazitäten belegt mit weiter steigender Tendenz. Es gibt noch Möglichkeiten zu verlegen, aber das wird zunehmen herausfordernd.

goodnews4: Wie sieht es denn aus mit der Kapazität am Standort Baden-Baden? Wie viele Betten auf der COVID-Normalstation haben Sie denn noch frei und wie viele auf der COVID-Intensivstation?

Thomas Iber: Also auf der COVID-Intensivstation schaffen wir jetzt gerade wieder ein freies Bett zur Übernahme, nachdem wir heute Morgen schon einen Notfall aufgenommen haben auf ein COVID-Bett. Und auf der Normalstation haben wir im Moment noch sechs COVID-Betten frei.

goodnews4: Müssen alle Patienten auf der Intensivstation beatmet werden?

Thomas Iber: Es gibt auch Patienten, die in einer modifizierten Beatmungsunterstützung sind. Also keinen sogenannten Beatmungsschlauch haben in der Luftröhre, sondern über die Nase, die sogenannte Nasenschleuder, mit Hochdosis-Sauerstoffzufuhr unterstützt werden. Ansonsten haben wir schon alle Patienten, die weniger invasiv unterstützt werden von der Atmung, auf der Normalstation.

goodnews4: In Baden-Baden und im Landkreis Rastatt sinken ja die Inzidenz-Zahlen, es bleibt abzuwarten, ob das methodische Gründe hat, weil jetzt über Ostern vielleicht nicht so viel getestet wurde. Wann wird sich das auf die Situation in den Kliniken auswirken, es gibt ja immer einen gewissen Zeitversatz?

Thomas Iber: Ja, der Zeitversatz beträgt mindestens zehn bis 14 Tage in aller Regel. Das, was wir jetzt sehen im Moment an Geschehen bei uns klinisch, ist quasi die Resultante aus dem Zeitraum vor Palmsonntag.

goodnews4: Müssen Sie sich auf noch weiter steigende Patientenzahlen einrichten und wie machen Sie das?

Thomas Iber: Das tun wir im Moment. Wir tun das dadurch, dass wir, so wie an den Osterfeiertagen und auch schon oder vor den Osterfeiertagen, Schattendienstpläne entwickelt haben, dann Schichten doppelt besetzt haben, Mitarbeiter aus dem Frei geholt haben oder aus dem Urlaub zum Teil. Und das planen wir dann für die nächste Eskalationsstufe, wo wir dann nochmal weitere Kapazitäten schaffen müssten. Das bedeutet aber halt immer auch Einschränkungen bei elektiven, planbaren Eingriffen.

goodnews4: Wie sieht es denn bei Ihnen Mitarbeitern aus? Die sind ja zum Großteil wahrscheinlich geimpft, sind inzwischen den Umgang mit der Krankreit gewohnt. Bei der ersten Welle gab es ja häufig auch Ausfälle durch Quarantäne auch von Mitarbeitern. Hat sich die Personallage etwas entspannen können durch die Impfung?

Thomas Iber: Mittlerweile sind bei uns zwei Drittel aller Mitarbeitern geimpft, in den Risikobereichen nahezu alle Mitarbeiter. Das ist sicherlich ein entlastender Faktor, der auch für Beruhigung sorgt, auf der einen Seite. Auf der anderen Seite kämpfen wir so etwas mit dieser neuen britischen Mutante, die Quarantänezeiten verlängert aufgrund einer längeren Inkubationszeit, und wir machen gerade unsere Erfahrungen, dass eben auch eine Impfung nicht zu hundert Prozent vor einer neuen Infektion schützt, wobei die Kontagiosität dann wahrscheinlich deutlich geringer ist. Wir haben schon erste Fälle von geimpften Mitarbeitern, die trotzdem nochmal sich eine Infektion zuziehen.

goodnews4: Jetzt ist es ausgerechnet die britische Mutante, die hier bei uns für diese Eskalation der Situation sorgt, wenn man aber nach Großbritannien schaut, werden dort Impf- und Test-Erfolge gefeiert. Verfolgen Sie die Entwicklung dort?

Thomas Iber: Selbstverständlich, unbedingt verfolgen wir das, das ist ja auch hochspannend und interessant. Es gibt halt immer wieder kleinere Unterschiede, die den großen Unterschied am Ende in der Betrachtung machen. Das gilt zum Beispiel auch für die Verimpfung des Impfstoffs von AstraZeneca in großem Stile. So wie bei uns wurden bei Komplikationen dort eben keine Kernspinnuntersuchungen des Kopfes gemacht. Wenn ich das nicht untersuche, dann kann man die Hirnvenenthrombosen auch nicht feststellen und an solchen Effekten machen sich dann eben Unterschiede bemerkbar, die aber in der Folge doch große Effekte haben können.

goodnews4: Wie meinen Sie das? Dass man in Großbritannien weiter mit AstraZeneca geimpft und das den Vorteil gebracht hat?

Thomas Iber: Also ganz grundsätzlich ist die Impfung zu begrüßen und zu unterstützen und dass in der Breite geimpft wurde, ist mit Sicherheit in Großbritannien erfolgreich demonstriert worden und vorgemacht worden. Bezüglich jetzt der Komplikationen ist das mit Sicherheit aber so zu bewerten, dass man sagen muss, dass diese Hirnvenenthrombosen, die bei uns häufiger beobachtet werden, in Großbritannien auch aufgetreten sind, allerdings halt nicht festgestellt wurden.

goodnews4: Muss es uns denn ärgern, dass uns die Briten in Sachen Testen und Impfen abgehängt haben?

Thomas Iber: Nein, ich glaube da muss man sportlich sein. Das sollte uns nicht ärgern, sondern Anlass genug sein, jetzt die Öffnung auf die Hausärzte hinweg zu impfen und wir kriegen ja jetzt offensichtlich doch eine relevante Anzahl an Impfdosen im April und sollten eben nicht über Risiken und Nebenwirkungen der Impfungen, die zweifelsohne bestehen, diskutieren, sondern sollten anerkennen, dass die Risiken und Nebenwirkungen einer Corona-Erkrankung deutlich höher sind als die Risiken und Nebenwirkungen einer jeden Impfung.

goodnews4: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Freiburg, im Moment die Stadt mit den besten Werten in Baden-Württemberg, so gute Inzidenz-Werte hat zwischen 50 und 60 und Baden-Baden und der Landkreis Rastatt über 100 liegen?

Thomas Iber: Ich habe da wirklich keine gute Erklärung. Man kann spekulieren. Eine Spekulation ist, dass es zufällige Entwicklungen sind, die auch davon abhängen, wie – wahrscheinlich auch nach dem Zufallsprinzip – diszipliniert die Menschen in einem bestimmten Zeitraum einfach gewesen sind.

goodnews4: Über Ostern gingen wieder die Diskussionen über die Strategien los, wie es weitergehen soll. Wie könnte denn eine Strategie aussehen? Müsste man konsequent sein und sagen: Lockdown bis mindestens 40, 50, 60 Prozent der Bevölkerung geimpft sind oder zum Beispiel das Berliner Modell, die auf die Hilfe von drei Apps setzen zur Kontaktnachverfolgung, um einen Tisch zu reservieren und eine spezielle Diagnose-App für negative Schnelltest-Nachweis?

Thomas Iber: Also ich glaube man muss beides tun. Um diese dritte Welle, so wie sie sich jetzt präsentiert, zu brechen, brauchen wir meines Erachtens aus medizinischer Sicht ganz dringend nochmal einen Lockdown und man sollte aber parallel unbedingt in eine Test-Konzeption investieren, unterstützt durch Apps, die es eben ermöglicht, Dinge wieder möglich zu machen, und zwar kontrolliert zu lockern und auch Dinge möglich zu machen, die genauso geboten sind, wie jetzt aktuell der Lockdown, um diese dritte Welle zu brechen und wir brauchen dann eben eine Öffnungsstrategie, um aus der dritten Welle dann auch wieder gut rauszukommen parallel zum Impfen.

goodnews4: Ich bedanke mich für das Interview, Thomas Iber.

Thomas Iber: Frau Milke, ich danke Ihnen.

Das Interview führte Nadja Milke für goodnews4.de.

goodnews4-LogoAUDIO anhören!
goodnews4-AUDIO-Interview von Nadja Milke mit Thomas Iber


Zurück zur Startseite und zu den weiteren aktuellen Meldungen.


goodnews4-Logogoodnews4Baden-Baden Breaking News kostenlos abonnieren!
Jeden Tag sendet goodnews4.de die wichtigste Nachricht als News-E-Mail.
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Die wichtigsten Nachrichten-Headlines von goodnews4 kostenlos als Push-Nachricht direkt auf das Smartphone mit der goodnews4.deApp.
goodnews4App im Play Store unter play.google.com.