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Corona-Pandemie in Baden-Baden und im Landkreis Rastatt

Klinik-Chef Thomas Iber zum ersten Todesfall in Baden-Baden – Und zum Verlauf der Corona-Pandemie – "Stille Hoffnung, dass es nicht zu einem unkontrollierten exponentiellen Anstieg kommt"

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goodnews4-O-TON-Interview von Nadja Milke mit Dr. Thomas Iber

Baden-Baden, 25.03.2020, 00:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch «Wir haben leider gestern den ersten Patienten verloren», musste Thomas Iber im goodnews4-O-TON gestern Nachmittag eine traurige Nachricht mitteilen. goodnews4.de berichtete bereits. Im Verlauf des Interviews ging der medizinische Geschäftsführer des Klinikum Mittelbaden auf den ersten Corona-Todesfall in Baden-Baden ein.

Auch auf die rechnerische Prognose von mehr als 10.000 Corona-Infizierten in Baden-Baden und im Landkreis Rastatt für Mitte bis Ende April ging Thomas Iber ein.

«Da wir im Verhältnis zu den französischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern und den italienischen deutlich mehr Vorbereitungszeit hatten und auch die Maßnahmen, wenn auch primär nicht vollumfänglich, aber doch weitgehend schon befolgt wurden, dürfen wir meines Erachtens immer noch die stille Hoffnung hegen, dass es eben nicht zu einem unkontrollierten exponentiellen Anstieg kommt», macht Thomas Iber Hoffnung.

Auch zum zentralen Status der Klinik Balg für das Klinikum Mittelbaden in der Corona-Krise ging der Klinik-Chef ein: «Wir behandeln aktuell 16 Patienten, haben eine Klinikstruktur, die man als ‘Klinik in der Klinik’ bezeichnen könnte.» Im weiteren Verlauf des Interviews erläutert Thomas Iber die Funktionsweise der während der Corona-Krise umstrukturierten Klink Balg in Baden-Baden. Auch auf die Situation von sich selbst und seiner Kollegen in der Klinik ging Thomas Iber ein und wandte sich dann an die Bürger von Baden-Baden und dme Landkreis Rastatt. Zum Ende des Interviews wagte er die vorsichtige Prognose, dass wir in «acht Wochen oder zehn Wochen hoffentlich ein gutes Stück hinter uns gebracht haben auf diesem Weg».


Abschrift des goodnews4-O-TON-Interviews mit Dr. Thomas Iber, medizinischer Geschäftsführer des Klinikum Mittelbaden:

goodnews4: Herr Dr. Iber, zunächst die Frage, wie geht es den schwer erkrankten Patienten im Klinikum Balg in Baden-Baden heute, am 24. März 2020?

Thomas Iber: Ja, die Situation ist ernst. Wir haben aktuell vier Patienten in unserer intensivmedizinischen Behandlung, davon sind drei beatmet und im schweren Lungenversagen, eine Patientin ist noch spontanatmend, aber auch mit deutlicher Lungenfunktionseinschränkung und wir haben leider gestern auch den ersten Patienten verloren.

goodnews4: Das ist natürlich eine traurige Nachricht. Was können Sie denn über den Todesfall sagen, ohne natürlich persönliche Daten zu verletzen. Aber was die Menschen immer interessiert ist, wie alt war der Patient und hatte er Vorerkrankungen?

Thomas Iber: Es war ein älterer Patient mit Vorerkrankungen. Und was wir aber insgesamt sehen an allen Patienten ist das, was die italienischen und französischen Kollegen und auch die Kollegen aus China vorbeschrieben haben: Eine schwere isolierte Lungenentzündung, die führend ist und die auch relativ langdauernd die Therapie benötigt.

goodnews4: Wir haben fast 200 bestätigte Corona-Infizierte im Landkreis Rastatt und im Stadtkreis Baden-Baden, was schätzt man, wie viele wirklich infiziert sind?

Thomas Iber: Wir gehen im Moment, da wir ja seit 15 Tagen die Corona-Ambulanz haben, wo ja die Abstriche primär entnommen wurden und die ergänzt wurde vor zwei Tagen mit einer zusätzlichen Einrichtung im Bereich der B500 durch die Stadt Baden-Baden sowie einige Hausärzte, die abgestrichen haben, aber wir überschauen mittlerweile knapp 1.600 Abstriche und wir haben insgesamt nach RKI-Kriterien eher großzügig abgestrichen, dass wir davon ausgehen, dass es sicher eine Dunkelziffer geben wird, die ist aber sicher niedriger als in anderen Ländern, beispielsweise aktuell Italien oder Frankreich, wo wir wissen, dass die Abstrichquote niedriger lag insgesamt.

goodnews4: Wer wird denn getestet? Letzte Woche gab es noch den Stand, dass zwei Kriterien sein müssen: Ein Aufenthalt in einem Risikogebiet und ein coronatypisches Symptom. Hat man diese Kriterien erweitert inzwischen?

Thomas Iber: Die gelten grundsätzlich und werden aber im Rahmen der individuellen Anamnese, der Krankengeschichtserhebung beim einzelnen Patienten, gegebenenfalls auch etwas großzügiger erweitert. Das liegt einfach daran, dass wir mittlerweile davon ausgehen, dass die Kontaktwahrscheinlichkeit nochmals deutlich zugenommen hat in den vergangenen 14 Tagen.

goodnews4: Wie viele Menschen im Landkreis Rastatt und im Stadtkreis Baden-Baden werden auf dem Höhepunkt insgesamt infiziert sein, bevor die Pandemie wieder abklingt?

Thomas Iber: Das wäre wahrscheinlich ganz viel wert, wenn man das genau vorhersagen könnte. Es ist ganz schwierig abzuschätzen, wir haben schon die ganz, ganz große Hoffnung, dass die ja doch gravierenden Einschränkungen, denen wir im Moment gesellschaftlich unterliegen, einen positiven Effekt auf die Übertragung des Erregers haben und damit die Einstiegskurve flacher verläuft, als wir initial befürchtet haben. Aber wie gesagt, das ist im Moment eine Hoffnung, ich denke in zwei bis drei Wochen wissen wir da mehr dazu.

goodnews4: Das heißt, Sie rechnen mit dem Höhepunkt der Pandemie in zwei bis drei Wochen?

Thomas Iber: Ja, wir behandeln aktuell 16 Patienten, haben ja eine Klinikstruktur, die man als «Klinik in der Klinik» bezeichnen könnte, sodass wir gewissermaßen im Gebäude in Balg zwei Kliniken betreiben, eine für Patienten, die eine Coronavirus-Infektion haben oder wo wir den Verdacht differentialdiagnostisch abklären, und den übrigen Klinikteil, wo alle Patienten, die keine Infektion haben, natürlich weiter behandelt werden, wie wir es vorgestellt haben, wenn sie einen Verkehrsunfall haben, wenn sie ein Tumorleiden haben und dringlich operiert werden müssen oder wenn Kinder zu uns kommen in der Kinderklinik oder natürlich im Rahmen der Geburtshilfe, die Schwangerenversorgung läuft unverändert ganz regulär weiter abgetrennt von dem anderen Klinikteil, um einfach auch hier so wie in der übrigen Gesellschaft eine maximale Trennung herzustellen und infektiologisch korrekt vorzugehen.

goodnews4: Heute Mittag hat Ministerpräsident Kretschmann gesagt: «Wir stehen erst am Anfang der Krise.» Wenn man der Theorie der exponentiellen Steigerung folgt, also dass sich die Zahl der bestätigten Infizierten alle drei bis vier Tage verdoppelt, dann würden wir Mitte bis Ende April auf über 10.000 bestätigte Infizierte in Baden-Baden und Rastatt zusteuern. Ist diese Rechnung für Sie realistisch?

Thomas Iber: Wenn man den unkontrollierten exponentiellen Anstieg unterstellt, wäre es realistisch, mathematisch. Aber da wir eigentlich ja im Verhältnis zu den französischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern und den italienischen deutlich mehr Vorbereitungszeit hatten und auch die Maßnahmen, wenn auch primär nicht vollumfänglich, aber doch weitgehend schon befolgt wurden, dürfen wir meines Erachtens immer noch die stille Hoffnung hegen, dass es eben nicht zu einem unkontrollierten exponentiellen Anstieg kommt.

goodnews4: Gibt es denn auch schon gute Nachrichten? Gibt es schon Geheilte im Klinikum Mittlebaden?

Thomas Iber: Ja, auch diese haben wir. Patienten, die infiziert waren und schon aus der stationären Behandlung entlassen sind, gibt es. Es gibt auch viele Berichte von infizierten Patienten oder auch Mitarbeitern, die die Infektion durchgemacht haben und mittlerweile schon wieder genesen entweder entlassen sind oder bei uns wieder arbeiten und arbeitsfähig sind, wie nach einer ganz normalen Grippe. Auch das gibt es und das sollten wir an der Stelle, glaube ich, nicht vergessen – gut, dass Sie es gefragt haben.

goodnews4: Haben Sie dazu auch eine konkrete Zahl oder ist das schwierig zu erheben?

Thomas Iber: Bezüglich der in stationärer Behandlung befindlichen Patienten ja, da haben wir mittlerweile vier bereits wieder entlassen und bezüglich der ambulant behandelten Patienten ist es schwierig zu erheben.

goodnews4: Sie haben im letzten goodnews4-VIDEO-Interview davor gewarnt, dass sich die jüngeren Menschen auf der sicheren Seite wähnen. Was sind denn inzwischen dahingehend die Erkenntnisse?

Thomas Iber: Ja, das bleibt unverändert so, dass der Gipfel der Erkrankungshäufigkeit – unabhängig von der Erkrankungsschwere – weiterhin im Bereich zwischen 35 bis 59 Jahren liegt. Also die Erkrankungshäufigkeit, der Erkrankungsgipfel ist dort liegend, die Erkrankungsschwere oder die schwerer Erkrankten, da gibt es schon eine Tendenz zu den über 60-Jährigen, aber wir haben auf unserer Intensivstation schon unter 60 Jahre alte Patienten behandelt.

goodnews4: Nun hat man bei den erschütternden Bildern aus Frankeich und Italien auch das Klinikpersonal vor Augen, die teilweise erschöpft in ihrer vollen Montur am Arbeitsplatz einschlafen. Wie geht es denn Ihnen und Ihren Kollegen – sind Sie acht oder eher 18 Stunden im Einsatz momentan?

Thomas Iber: Im Moment haben wir noch sehr kontrollierte reguläre Bedingungen, das liegt aber im Wesentlichen daran, dass wir die elektive Versorgung eingestellt haben und die Ressourcen in diese aktuelle Notfallversorgung umstrukturiert und umverteilt haben. Gleichwohl ist es auch zu den regulären Arbeitszeiten im Moment sehr anstrengend, wie Sie es schon angesprochen haben. Wenn man diese persönliche Schutzausrüstung trägt, dann ist es einfach so, dass es warm ist, dass man viel Flüssigkeit verliert, entsprechend auch viel trinken muss und es sicherlich von der Seite her körperlich sehr anstrengend ist in der täglichen Versorgung dieser Patienten.

goodnews4: Und das letzte Wort gehört Ihnen, Herr Dr. Iber: Was wünschen Sie sich von den Baden-Badenern, von den Rastattern, von den Jungen und den Alten in dieser Corona-Krise?

Thomas Iber: Also ich glaube, das Wesentliche ist, dass wir im Moment solidarisch gemeinsam zusammenstehen, die aktuelle Phase des sogenannten Shutdown, der Beruhigung des öffentlichen Lebens, die nächsten zwei Wochen gut mittragen und immer ein offenes Ohr haben, wenn Fakten genannt werden, den Fakten vertrauen und zu guter Letzt nicht die Zuversicht verlieren. Ich glaube, wir sind für die Pandemie gut gerüstet und wenn wir alle solidarisch zusammenhalten, werden wir diese Pandemie auch sehr gut meistern und in acht Wochen oder zehn Wochen hoffentlich ein gutes Stück hinter uns gebracht haben auf diesem Weg.

goodnews4: Ich bedanke mich für das Interview, Dr. Thomas Iber.

Thomas Iber: Ich danke Ihnen, Frau Milke.

Das Interview führte Nadja Milke für goodnews4.de.

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