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Gedenken an Novemberpogrome 1938

Rami Suliman: "In Baden-Baden hätte das zu einem Blutbad geführt" – "1928: NSDAP 2,6 Prozent. 1930: NSDAP 18,3 Prozent. 1933: Machtergreifung"

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goodnews4-O-TON-Interview von Nadja Milke mit Rami Suliman

Baden-Baden, 07.11.2019, 00:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch Innerhalb von fünf Jahren sei das Bewusstsein gekippt, erinnert Rami Suliman im goodnews4-O-TON-Interview an ein statistisches Detail der deutschen Geschichte: «1928: NSDAP 2,6 Prozent. 1930: NSDAP 18,3 Prozent. 1933: Machtergreifung.» Der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, IRG, sieht vor dem 9. und 10. November und dem Gedenken an die Novemberbrände und Mordnächte von 1938 die Lage nüchtern.

«Ich sage nicht, dass wir jetzt vor so einer Situation stehen, aber nach meinem Gefühl, meinen Antennen, will ich sagen, dass wir in diese Richtung gehen.» Aber wir müssten aufpassen, ermahnt der IRG Vorsitzende: «Wir müssen vehement gegen Antisemitismus und mit aller Kraft umgehen.»

Und Rami Suliman erkennt wohl auch, dass die Zeit der sogenannten Sonntagsreden vorbei ist. Es reicht nicht mehr an den Erinnerungstagen die wichtigen, aber zur Routine werdenden Reden zu halten. Nach dem Anschlag von Halle sind konkrete Maßnahmen auch in Sachen Sicherheit akut. «Wenn ich nur daran denke, was in Halle passiert ist, stellen sie sich vor, dass so eine Person in Baden-Baden so ein Attentat machen wollte, das hätte mit hundertprozentiger Sicherheit zu einem Blutbad geführt», macht Rami Suliman klar, wie nahe die Sorge vor einer Katastrophe ins Bewusstsein der Juden und auch aller anderen Deutschen und Europäer gerückt ist.

Im weiteren Verlauf des Interviews geht Rami Suliman auch auf seinen Umgang mit der Angst um, auf die Frage nach der Heiligkeit des Grundstücks der alten Baden-Badener Synagoge und der dortigen Fundamentsteine und schließlich auf die Eröffnung der neuen Synagoge am 10. November im Konstanz.


Abschrift des goodnews4-O-TON-Interviews mit Rami Suliman, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden:

goodnews4: Rami Suliman, wieder steht der Gedenktag am 9. November, in Baden-Baden am 10. November, bevor. Die Erinnerungskultur in Deutschland ist bei den meisten Repräsentanten des öffentlichen Lebens gut präsent. Glauben Sie, dass auch aktuelle Themen zu Antisemitismus und dem jüdischen Leben ausreichend auseinandersetzt werden?

Rami Suliman: Ja, ich bin sicher, dass aktuelle Themen wie der Terroranschlag in Halle und der steigende Antisemitismus besonders dieses Jahr, mehr als die vergangenen Jahre, ein Thema sein muss. Wenn man auf die Geschichte guckt: 1928: NSDAP 2,6 Prozent. 1930: NSDAP 18,3 Prozent. 1933: Machtergreifung. Innerhalb von fünf Jahren ist das Bewusstsein von Menschen umgekippt. Und ich sage nicht, dass wir jetzt vor so einer Situation stehen, aber nach meinem Gefühl, meinen Antennen, will ich sagen, dass wir in diese Richtung gehen. Und da müssen wir aufpassen. Wir müssen vehement gegen Antisemitismus und mit aller Kraft umgehen.

goodnews4: Also glauben Sie, dass diese Themen noch nicht ausreichend besprochen werden in der Öffentlichkeit, sondern dass man das verstärken sollte?

Rami Suliman: Besprochen in der Öffentlichkeit sehr viel, aber Tatsachen sehr wenig, sehr wenig. Hier in Baden Württemberg hat man durch die Regierung ein sehr gutes Zeichen gesetzt. Eine Million Euro als Soforthilfe für die Sicherung der jüdischen Synagogen in Baden. Und das ist ein sehr gutes Zeichen, damit ist natürlich das Sicherheitsgefühl der Mitglieder ein bisschen verstärkt. Und wenn ich nur daran denke, was in Halle passiert ist – stellen sie sich vor, dass so eine Person in Baden-Baden so ein Attentat machen wollte, das hätte mit hundertprozentiger Sicherheit zu einem Blutbad geführt. Und das muss einfach in die Köpfe der Verantwortlichen, sie müssen verstehen, in welcher Welt wir zurzeit leben.

goodnews4: Manche jüdischen Mitbürger äußern auch den Gedanken, Deutschland zu verlassen, wegen der sich veränderten Stimmung und der Gefahr, die sie spüren. Welchen Eindruck haben Sie denn von den Juden in Baden? Wissen Sie von jüdischen Mitbürgern, die Deutschland deshalb verlassen wollen?

Rami Suliman: Ja, ich weiß es. Ich weiß es. Ich weiß, manche denken, wenn es so weitergeht, wenn sowas nochmal passiert, denken sie darüber nach. Sie machen keine Schritte, aber sie denken schon darüber nach. Die Juden verstecken sich zurzeit und das ist nicht gut. Wir leben in einer sehr schlechten Zeit. Ich bin pessimistisch. Ich weiß auch, das muss ich noch dazu sagen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung, der Politik, der Polizei, der Kirchen, der Gesellschaft auf unserer Seite ist, aber um Unsicherheit zu stiften, braucht man nicht viele Leute, ein paar Idioten sind genug.

goodnews4: Was können Sie denn den Mitgliedern der jüdischen Gemeinden in Baden sagen, wenn sie mit solchen Sorgen und Ängsten auf Sie zukommen? Können Sie Ihnen Mut machen? Können Sie sie trösten?

Rami Suliman: Es ist schwierig, Mut zu machen. Ich sage Ihnen, was ich mache, ich persönlich. Ich habe bis jetzt, bevor ich aus der Synagoge in Pforzheim rausging oder in die Synagoge reinging gewartet bis ich drin war und habe die Kopfbedeckung, die Kippa, dann erst auf meinem Kopf getragen, als ich drin war. Heute gehe ich vor der Synagoge, auf der Straße schon, mit der Kippa und gehe dann rein. Genau umgekehrt. Und wenn ich rausgehe, laufe ich draußen nochmal hundert, zweihundert Meter mit Kippa. Genau umgekehrt. Es ist sehr leicht zu sagen, keine Angst zu haben, aber ich glaube, wir müssen der Angst die Stirn zeigen. Wir werden uns nicht beugen. Wir dürfen uns nicht beugen gegen diese Angst. Das darf nicht sein. Wir müssen mit Bewusstsein unser Judentum hier weiterleben.

goodnews4: Ganz wichtig, um das möglich zu machen, ist natürlich auch der bewusste Umgang mit Geschichte, Gegenwart und Symbolen. Bei drei Fällen von alten Synagogengrundstücken in Freiburg, Bruchsal und Baden-Baden gibt es unterschiedliche Positionen. Vor allem eine Frage steht dabei im Raum: Sind die Grundmauern, Steine und Überreste unter der Erde der Synagogengrundstücke heilig oder nicht?

Rami Suliman: Ich habe Rabbiner gefragt, der Grund der Mauer, die Steine in der Erde sind nicht heilig, aber sie sind doch heilig im Sinne der Vergangenheit, der Geschichte, der Verantwortung über die Geschichte. Das ist auch wichtig, nicht die religiöse Wichtigkeit, sondern eine historische. Diese ist sehr wichtig, nicht weniger als die religiöse Bedeutung. Und das darf nicht rausgenommen werden, darauf muss geachtet werden. Die Würde des Platzes muss beibehalten werden in verschiedenen Variationen in den Städten. Eine Stadt macht ein Wasserbecken, eine andere macht etwas anderes. In Baden-Baden ist noch nichts passiert, dort ist es noch unter der Erde. In Bruchsal macht es die Frau Petzold-Schick sehr gut. Sie verbindet auch die ganze jüdische Gemeinde, ich bin auch da, im Ideenwettbewerb, ich bin die Jury da, ich bin informiert, man spricht mit der jüdischen Gemeinde, was man machen will. Genauso wie in Freiburg. Natürlich gibt es bei jedem Ergebnis auch Leute, die dagegen sind, und manche, die dafür sind. Und das ist die normale Diskussion über jede Kleinigkeit, jeder Synagogenbau, jedes Museum, egal welcher öffentliche Bau. Es gibt manche, die sagen «super» und manche, die sagen «sehr schlecht». Und das ist die Situation. Es ist gut, dass man diskutiert über dieses Thema.

goodnews4: Nun wird ja in Konstanz, das haben Sie mir im Vorgespräch gesagt, am Sonntag die neue Synagoge eingeweiht. Ganz kurz noch dazu. Wie viele Mitglieder hat die Gemeinde in Konstanz? Wie lange hat das Projekt gedauert, um realisiert zu werden und was waren dabei die größten Herausforderungen?

Rami Suliman: Circa dreihundert Mitglieder gibt es in Konstanz. Die Idee des Projektes ist 15 Jahre alt und in den letzten vier, fünf Jahren, in meiner Zeit, ist es realisiert worden. Aber alle meine Vorgänger haben ihren Teil dazu beigetragen.

goodnews4: Und was waren die größten Herausforderungen, dass das Projekt so lange in der Entstehung war, 15 Jahre?

Rami Suliman: Es gibt so viele Sachen, die dazwischen gekommen sind. Das ist eine lange Geschichte. Das letzte Hindernis waren zwei Gruppen in der Gemeinde, eine liberale und eine traditionelle, die gegeneinander gespielt haben und sich dann jetzt geeinigt haben. Und es läuft alles gut. Sie haben vor drei, vier Monaten eine neue Wahl gehabt. Es gibt einen neuen Vorstand und jetzt Ruhe in der Gemeinde. Es gibt sehr gute Aktivitäten und alle Schwingungen finden ihren Platz. In diesem neuen Gebäude gibt es einen Raum für das traditionelle Gebet und es gibt einen Raum für das liberale Gebet. Und alles andere kann man zusammen machen. Aber das alles ist unter dem Dach der Synagogen-Gemeinde. Es gibt nicht zwei Gemeinden wie vorher. Es gibt nur eine Gemeinde in Konstanz. Eine Gemeinde als Untergliederung der IRG Baden, unterstützt von der IRG Baden. Ansonsten läuft es gut. Wir bekommen auch neue Rabbiner. Alles ist gut.

goodnews4: Also ein freudiges Ereignis am Sonntag. Davor der Gedenktag am 9. November. Wo werden Sie da sein?

Rami Suliman: Am 9. November werde ich zu Hause sein. Das ist Samstag. Am 8. November mache ich in Pforzheim eine Gedenkveranstaltung. Am 10. bin ich natürlich in Konstanz.

goodnews4: ich bedanke mich sehr für das Interview, Rami Suliman.

Rami Suliman: Vielen Dank, Frau Milke.

Das Interview führte Nadja Milke für goodnews4.de

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goodnews4-O-TON-Interview von Nadja Milke mit Rami Suliman


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