Logo goodnews4Plus

Appell an die Bauherren in Baden-Baden

Denkmalpflege-Präsident Claus Wolf über Vorurteile zum UNESCO-Welterbe – Und: „Warum bin ich Villenbesitzer in Baden-Baden?"

goodnews4-LogoVIDEO anschauen!
goodnews4-VIDEO-Interview von Nadja Milke mit Claus Wolf

Baden-Baden, 20.02.2019, 00:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch Quer durch die Baden-Badener Innenstadt ziehen sich moderne sogenannte Stadtvillen. Man müsse die schmerzliche Veränderung des Stadtbildes in Kauf nehmen, auch weil die Wirtschaft Aufträge benötige. Dieser von Baden-Badener Kommunalpolitikern und Bauträgern tradierten These stellt Claus Wolf, Präsident des Landesamtes für Denkmalschutz, im goodnews4-VIDEO-Interview auch ökonomisch eine andere Rechnung entgegen.

Jeder Euro, den der Denkmalschutz koste, generiere «das Zehn- oder Elffache an Arbeiten von in der Regel regionalen und lokalen vor allem Handwerksbetrieben» und dies komme «der ganzen Region auch zugute». Und auch mit einem zweiten Vorurteil räumt der Denkmalschutz-Präsident auf, denn im Jahr 2016 stellte sich eine Fraktion gegen die Bewerbung Baden-Badens um die Anerkennung als UNESCO-Welterbe und begründete dies mit Einschränkungen für die Bauwirtschaft.

«Die UNESCO geht ja ganz bewusst davon aus, dass das, was ein Land oder ein Bundesland gerne als Welterbe nominieren möchte, bereits innerhalb der jeweiligen Gesetzgebung der Denkmalschutzgesetze den höchsten Standard besitzt», erklärt Claus Wolf die Rechtslage und dass es durch eine Anerkennung als UNESCO-Welterbe keine weiteren rechtlichen Verpflichtungen gebe.

Im weiteren Verlauf des goodnews4-VIDEO-Interviews geht der Präsident des Landesamtes auf eine ganz andere Dimension des Werterhaltes von Baden-Baden ein und er spricht das Geheimnis des Erfolges von Baden-Baden an, das besonders der Beliebigkeit in Zeiten einer Globalisierung entgegentritt. «Viele Dinge sind austauschbar geworden und ich denke, gerade auch in einer Zeit, in der für viele Personen wichtige Ankerpunkte verloren gehen − an was kann man sich denn orientieren? − können tatsächlich Denkmalschutz und die Bewahrung von kulturellem Erbe ein wichtiger Faktor sein, eine Identität zu behalten, weil das tatsächlich nicht austauschbare Dinge sind. Das Ensemble gibt es nur hier so in Baden-Baden.» Und dann stellt Claus Wolf eine Frage: «Warum habe ich mir denn ein großes, schönes Haus gekauft, warum bin ich Villenbesitzer in Baden-Baden?» Und der Präsident gibt darauf auch eine Antwort.


Abschrift des goodnews4-VIDEO-Interviews mit Claus Wolf, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege:

goodnews4: Baden-Baden auf dem Weg zum Welterbe. Viele unserer Zuschauer haben sich vielleicht noch nicht ganz ausgiebig mit diesem Thema befasst. Was qualifiziert denn unsere Stadt für diese Bewerbung und dann hoffentlich auch für den Zuschlag?

Claus Wolf: Ja, was qualifiziert Baden-Baden, um Welterbe zu sein? Da braucht man zuerst einmal ein Thema, dass Baden-Baden da überhaupt hineinpasst und ich denke, mit diesem Thema «wichtige große europäische Kurstädte des 19. Jahrhunderts» ist mit Baden-Baden tatsächlich eine der wichtigsten Städte in ganz Europa getroffen, die das in idealer Weise repräsentieren können. Das betrifft das Thema an sich, das betrifft wirklich viele Gebäude, die aus dieser Zeit eben auch heute noch in der Stadt eine wichtige Rolle spielen, das betrifft teilweise Villengebiete, das betrifft das Casino, das betrifft noch die Anlage der Stadt selbst, die aus dem 19. Jahrhundert eben auch noch ablesbar ist, und sie wird damit zu einem idealen Prototyp, kann man sagen, die dieses Thema dann für viele andere Städte auch repräsentieren kann.

goodnews4: Der Denkmalschutz erscheint oft als teure Passion. Was bedeutet denn der Denkmalschutz für die Gesellschaft und vielleicht sogar für die Ökonomie?

Claus Wolf: Also Denkmalschutz wird ja sehr häufig tatsächlich auch eben als wirtschaftlicher Bremser oder nur als Last für den Eigentümer angesehen. Es wird Sie nicht wundern, dass ich das natürlich durchaus differenzierter sehe und auch sehen muss. Grundsätzlich ist es so, das sollen jetzt auch keine weiteren Plattitüden sein, es ist mehrfach nachgewiesen, dass denkmalgeschützte Gebäude auch ein wirtschaftlicher Faktor für die Region sind. Also jeder Euro, den es kostet, generiert das Zehn- oder Elffache an Arbeiten von in der Regel regionalen und lokalen vor allem Handwerksbetrieben, was dann der ganzen Region auch zugutekommt. Zum anderen − was ich gerade auch in der heutigen Zeit der Globalisierung für ganz wichtig halte − viele Dinge sind austauschbar geworden. Wenn Sie durch die Fußgängerzonen der Innenstädte von Deutschland gehen, dann finden Sie eine Handvoll Marken, die Sie überall sehen, die Auslagen sind überall die gleichen. Und ich denke, gerade auch in einer Zeit, in der für viele Personen wichtige Ankerpunkte verloren gehen − an was kann man sich denn orientieren? − können tatsächlich Denkmalschutz und die Bewahrung von kulturellem Erbe ein wichtiger Faktor sein, eine Identität zu behalten, weil das tatsächlich nicht austauschbare Dinge sind, das Ensemble gibt es nur hier so in Baden-Baden. Bestimmte andere Dinge gibt es nur in anderen Städten Baden-Württembergs, auf das kann man stolz sein, ich will hier gar nicht den Heimatbegriff in irgendeiner Form strapazieren, aber das sind Dinge, die, denke ich, in Zukunft auch durchaus in positiver Hinsicht auch von den Städten in den ganzen Diskurs − wie sollen unsere Städte in Zukunft aussehen und was möchten wir mit ihnen tun? − eigebracht werden können.

goodnews4: Was sollten wir denn in Baden-Baden mit oder auch ohne Welterbetitel besonders schützen?

Claus Wolf: Also grundsätzlich muss man ja sagen, Welterbe ist tatsächlich ein Titel, aber es bedeutet innerhalb der Denkmalpflege jetzt nicht, dass es noch irgendwelche weiteren, irgendwelche rechtlichen Einschränkungen oder Hürden oder auch nochmal strengere Maßstäbe gibt, sondern die UNESCO geht ja ganz bewusst davon aus, dass das, was ein Land oder ein Bundesland gerne als Welterbe nominieren möchte, bereits innerhalb der jeweiligen Gesetzgebung der Denkmalschutzgesetze den höchsten Standard besitzt. Das heißt, das ist davon erstmal unabhängig zu betrachten. Und Baden-Baden hat natürlich innerhalb des eigentlichen Innenstadtkernes eine ganze Reihe von ganz bedeutenden Denkmalen, die es zu erhalten gibt, aber eigentlich geht es ja um etwas ganz anderes. Es geht darum, dass Baden-Baden auch in den nächsten hundert Jahren eine lebenswerte Stadt bleibt für die Menschen, die hier leben. Es kann für den Denkmalschutz nicht darum gehen, in irgendeiner Form einen musealen Zustand des 19. Jahrhunderts aufrechtzuerhalten oder eine Käseglocke über irgendetwas zu stülpen, sondern es geht darum, verantwortungsvoll mit diesem kulturellen Erbe umzugehen, durchaus auch stolz darauf zu sein und es gleichzeitig in die Bedürfnisse einer heutigen modernen Stadt überführen zu können.

goodnews4: In unserer Stadt zeigt sich ein eigenartiges Phänomen. Viele Menschen leisten sich ein möglichst großes, hohes Haus, um den wunderbaren Blick auf die schöne Landschaft und prächtige Bausubstanz zu genießen. Manche schönen, alten, kleineren Häuser müssen deshalb dran glauben. Mehr und mehr blicken diese Bauherren aber bald selbst auch auf große beliebige Hauskonstruktionen. Haben Sie vielleicht einen Appell an die Bauherren in Baden-Baden?

Claus Wolf: Ja, einen Apell kann ich machen, dadurch dass der ja rechtlich sowieso nicht bindend ist. Ich denke, man sollte sich schon sehr gut überlegen, warum habe ich mir denn, wie Sie es sagen, ein großes, schönes Haus gekauft, warum bin ich Villenbesitzer in Baden-Baden? Das Ganze hat ja seinen Grund. Das heißt, die Personen, die Eigentümer von solchen Villen sind, schätzen ja ganz bestimmte Dinge an Baden-Baden und sie sollten sich schon überlegen, dass das Lebenswerte an dieser Stadt vor allen Dingen auch an bestimmten wichtigen Dingen hängt, wie eben einer intakten Altstadt, die weiterentwickelt werden soll, gar keine Frage, aber das Ganze sollte doch wirklich mit Maß und Verstand geschehen und es muss auch nicht immer, denke ich, jetzt absolut der höchste wirtschaftliche Nutzen daraus gezogen werden, sondern wir reden hier ja auch von einem Allgemeingut, das eben auch allen zur Verfügung stehen sollte.

goodnews4: Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Nadja Milke für goodnews4.de.

goodnews4-LogoVIDEO anschauen!
goodnews4-VIDEO-Interview von Nadja Milke mit Claus Wolf


Zurück zur Startseite und zu den weiteren aktuellen Meldungen.


goodnews4-Logogoodnews4Baden-Baden Breaking News kostenlos abonnieren!
Jeden Tag sendet goodnews4.de die wichtigste Nachricht als News-E-Mail.
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!