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Vor 80 Jahren zerstörten die Nationalsozialisten die Baden-Badener Synagoge

"Die haben den Kindern 10 Pfennig geschenkt, dann mussten sie schreien: Die Juden sind unser Unglück" - goodnews4-Interview mit Zeitzeugin Anneliese Schulze

"Die haben den Kindern 10 Pfennig geschenkt, dann mussten sie schreien: Die Juden sind unser Unglück" - goodnews4-Interview mit Zeitzeugin Anneliese Schulze
Anneliese Schulze war 11 Jahre alt, als sie sah wie die Baden-Badener Synagoge von den Nazis vernichtet wurde.

Baden-Baden, 07.11.2018, 00:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch «Ich sah etwas jüdisch aus: Große Nase und viele schwarze Haare», erinnert sich Anneliese Schulze im goodnews4-Interview an ihr Aussehen in den 30er und 40er Jahren. Erst nach dem Krieg sollte sie erfahren, dass sie tatsächlich jüdische Großeltern hatte. In Baden-Baden erlebte sie die dunkelste Stunde der Stadt, als am Tag des 10. November 1938 die Synagoge in der Stephanienstraße von der SA vernichtet wurde und die Baden-Badener Juden gedemütigt und durch die Stadt getrieben wurden.

Das gesamte Interview mit Anneliese Schulzie ist zu lesen in der 128-seitigen Sonderausgabe goodnews4Extra zu «,80 Jahre Vernichtung der Synagoge 1938 und Baden-Badener Synagogen Diskussion», erhältlich bei der Buchhandlung Straß in Baden-Baden, im Zeitschriftenhandel und im Bahnhofsbuchhandel.


Abschrift des goodnews4-Interviews mit Anneliese Schulze:

goodnews4: Der traurige, dramatische und fürchterliche Höhepunkt war ja die Reichskristallnacht, die sogenannte Reichspogromnacht, die in der Stephanienstraße die Synagoge niedergebrannt hat. Haben Sie als Kind davon etwas mitgekriegt?

Anneliese Schulze: Ich habe alles mitgekriegt. Wir wohnten Ecke Sophienstraße und Sonnenplatz. Morgens war ein riesiger Krach. Wir sprangen aus den Betten raus. In der Nähe unseres Hauses war ein Judenhotel, ich glaube es hieß Stern, dort wurden die Fensterscheiben eingeschlagen, es war wohl zum Speiseraum eine große Scheibe. Irgendjemand hat anscheinend die Tür aufgemacht, ich weiß nicht, und dann kamen Herren raus im Pyjama, Juden, die hat man aus dem Bett Geholt. Wir waren auf dem Balkon gestanden und meine Mutter sagte: «Das ist ja unverschämt, ich erlaube das nicht, wie geht es in meinem Land zu? Ich bin Patenkind der Königin von Württemberg. Ich bin in einem Königreich aufgewachsen, da ging es anständig zu.» Ruckzuck stand ein Herr oben auf unserem Balkon und hat gesagt: «Wie sehen Sie das Ganze, Frau Odenwald?» Sie sagte: «Wie ich es gesagt habe. Sie sind ein Spitzel.» In der Nacht habe ich nicht mehr geschlafen. Ich habe Angst um sie gehabt. Meine Mutter war so rotzfrech.

goodnews4: Welches Haus am Sonnenplatz war denn das, wo man vom Balkon aus runterschauen konnte?

Anneliese Schulze: Da ist jetzt unten ein Gemüseladen drin.

goodnews4: Wie ging es dann weiter? Es war der 10. November 1938. Da hatten Sie ja auch Schule oder gingen Sie nicht in die Schule?

Anneliese Schulze: Ich nicht. Da hat meine Mutter gesagt: «Das musst Du alles mitbekommen, das musst Du alles mal erzählen.» Aber inzwischen wollte es kein Mensch wissen. Dann sind alle raufmarschiert zur Synagoge. Meine Mutter sagte ich soll mit, aber ich wollte gar nicht, bin dann aber trotzdem hinaufgesaust. Wenn man hochgeht, ist da doch eine Mauer von einer Schule und beim Badischen Tagblatt stand die Synagoge. Da kamen die Juden und da waren auch viele Kinder und SA-Leute. Die haben den Kindern 10 Pfennig geschenkt, dann mussten sie schreien: «Die Juden sind unser Unglück.» Ich habe es nicht genommen, aber die Kinder haben mitgebrüllt. Die dachten es wäre richtig, was die Erwachsenen sagen, ist ja meistens gut. Dann hörten wir auf einmal aus der Synagoge das Horst-Wessel-Lied. Die Juden mussten das Horst-Wessel-Lied singen. Dann wurden sie irgendwann rausgeholt.

goodnews4: Waren Sie dann unten mit dabei?

Anneliese Schulze: Nein, ich stand oben an der Mauer, ich habe alles mitgekriegt. Auf einmal kam meine Mutter von unten heraufgestürmt: «Anneliese, Anneliese, ich schäme mich für dich.» Ich dachte mir: «Was ist denn jetzt los?» «Mein Kind soll so etwas Ungeheuerliches nicht sehen.» Die wollte nur Theater machen. Mir war das sehr peinlich. Ich wollte nur zu den anderen gehören.

goodnews4: Was für eine Uhrzeit war das?

Anneliese Schulze: Es war vor dem Mittagessen. Denn die Juden wurden aus der Synagoge rausgeholt, bekamen auch etwas zu Essen und zwar neben dem Badischen Tagblatt war auch ein Judenhotel und sie bekamen Schweinefleisch.

goodnews4: Also als Demütigung gewissermaßen.

Anneliese Schulze: Sicher. Dann wurde die Synagoge angezündet. Das waren auch wieder diese uniformierten SA-Leute. Auf einmal kam eine Frau aus dem Nebenhaus gestürzt. Es war die Frau des Küsters. Sie ging in die Knie und hat die Hände gefaltet. Sie sagte: «Lasst meinen Mann raus!» Sie dachte, die würden alle verbrennen.

goodnews4: Sie dachte, die Männer wären in der Synagoge eingeschlossen?

Anneliese Schulze: Ja. Sie hat Todesangst gehabt um ihren Mann.

goodnews4: Wie viele Schaulustige waren denn da?

Anneliese Schulze: Ich weiß gar nicht, was das für Leute waren, wahrscheinlich waren viele da so wie ich. Dann ging ich nach Hause und an diesem Tag hatte meine jüdische Freundin Marie-Luise Waldeck den 10. Geburtstag. Ich war eingeladen in der Waldstraße.

goodnews4: An dem 10. November hatte sie ausgerechnet Geburtstag?

Anneliese Schulze: Ja. Achso, davor habe ich noch etwas gesehen. Die haben die Juden von der Synagoge heruntergetrieben. Die mussten rennen. Ich habe es mitgekriegt bis zum Leopoldsplatz. Nebenher rannten auch diese SA-Leute. Das sah erbärmlich aus. Dann noch was, das habe ich selber gesehen, als sie diese Juden aus dem Stern oder wie das hieß, rausholten, hat einer seinen Orden angeheftet gehabt. Das wurde ihm sofort abgerissen, der hatte dann einen zerrissenen Kragen. Ich habe immer geguckt, ob ich den Landgerichtsrat Waldeck erkenne, aber ich war etwas durcheinander und ich habe ihn nicht gesehen. Dann habe ich zu meiner Mutter gesagt, dass ich die Einladung nicht einhalten will, ich hatte Angst. Meine Mutter sagte: «Du gehst da hin!» Dann bin ich also hinaus gefahren mit der Straßenbahn bis zum Bertholdplatz und den Rest bin ich zu Fuß gegangen, in der Gunzenbachstraße irgendwo war das. Vor der Villa standen Männer. Ich glaube, es waren SD-Leute, also vom Sicherheitsdienst. Sie haben mich gefragt, wo ich hin will und ich sagte: «Ich will da rein, ich will zu dem Geburtstag meiner Freundin Marie-Luise.» Dann haben die mich reingelassen. Da war ein Tisch gedeckt für sechs Personen und nur ich kam. Wir waren dann zu dritt. Marie-Luise sagte: «Dann spielen wir Mikado.» Dann hat mich ihre Mutter gerufen. Die lag in einem wunderschönen Salon auf dem Sofa. Alles war weiß und rot. Sowas habe ich in meiner besten Zeit noch nicht gesehen gehabt. Sie fragte: «Hast Du was gesehen?» «Ja, alles.» «Du redest nicht mit meinem Kind.» Ich habe gesagt: «Nein, das werde ich nicht tun.» «Hast Du den Papa gesehen?» «Ich habe geguckt, aber nein, ich habe ihn nicht gesehen.»

goodnews4: Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Christian Frietsch für goodnews4.de.


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