Gastkommentar

Digitalisierung endlich zum politischen Schwerpunkt machen – Gastkommentar von Thomas Bippes

Bild Thomas Bippes Gastkommentar von Thomas Bippes
18.02.2020, 00:00 Uhr



Baden-Baden In unregelmäßigen Abständen veröffentlicht goodnews4.de Beiträge von Gastkommentatoren. Zum engeren Kreis gehören der Baden-Badener Bestsellerautor Franz Alt und Thomas Bippes, der sich insbesondere den Themen der Digitalisierung, IT und Künstlichen Intelligenz zuwendet.

Thomas Bippes ist Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement an der SRH Hochschule Heidelberg und Gesellschafter der Online Marketing Agentur SEO & REPUTATION in Baden-Baden

Kommentar: Thomas Bippes Die Digitalisierung ist ein Megatrend, von dem nahezu jeder Bereich unserer Gesellschaft betroffen ist. Das ist nicht erst seit Corona so. Doch seit die Pandemie unser Leben bestimmt, wird uns tagtäglich vor Augen geführt, wie schlecht die Bundesrepublik Deutschland in diesem Zukunftsfeld aufgestellt ist. Wenn der schreckliche Coronavirus überhaupt auch etwas Gutes bewirkt hat, dann wohl, dass die Digitalisierung in Unternehmen und teilweise auch in Bildungsreinrichtungen einen erheblichen Schub bekommen hat.

Doch nach wie vor hakt es an der Netzabdeckung, an der Breitbandversorgung, an der Bereitstellung von Hardware und an digitalen Kompetenzen. Eigentlich unfassbar und auch peinlich, dass die Kanzlerin seelenruhig beim digitalen Weltwirtschaftsforum im Januar dieses Jahres zugibt, dass es um die Digitalisierung in Deutschland nicht so gut bestellt sei. Seit 16 Jahren ist Angela Merkel Bundeskanzlerin. Noch länger ist bekannt, dass in der Digitalisierung die Zukunftschancen liegen. Jahr für Jahr neue Studien, die die Rückständigkeit Deutschlands im Bereich der Digitalisierung schonungslos offenlegen – und die Verantwortliche für diese Versäumnisse gibt am Ende ihrer Kanzlerschaft kleinlaut zu, Deutschland müsse nacharbeiten.

 

In einem Kommentar im Handelsblatt vom 27. Januar 2021 spricht die Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung, Dorothee Bär, davon, bisher habe es an einer Strategie gefehlt, mit der das wirtschaftliche und gesellschaftliche Potenzial innovativer Datennutzung ausgeschöpft werden könnte. Maßgeblich verantwortliche PolitikerInnen in Deutschland geben also freimütig zu, im Bereich des Megatrends «Digitalisierung» gebe es Nachholbedarf und fehlende Strategien. Welche dramatischen Folgen diese jahrelange Lethargie für den Alltag der Menschen in Deutschland hat, erfahren derzeit vor allem Eltern, deren Kinder mit Online-Lernplattformen kämpfen oder die ohne teure Endgeräte praktisch vom Unterrichtsgeschehen abgehängt sind. Lehrer hinken bei der Vermittlung von Lerninhalten über digitale Anwendungen hinterher. Regionale Einzelhändler versuchen jetzt verzweifelt, den Anschluss an den Online-Handel zu finden. Unternehmen kämpfen wegen schlechter regionaler Internetversorgung mit dem Home Office oder stoßen auf große Probleme bei der Umsetzung ihrer eigenen Digitalisierungsstrategie, weil die Breitbandversorgung fehlt.

Wären wir auf dem Weg der Digitalisierung in allen gesellschaftlichen Bereichen schon ein Stück weiter, müssten Schulen nicht bei null anfangen und würden uns Länder wie Finnland, Dänemark und Schweden bei der Digitalisierung nicht den Rang ablaufen. Der Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DESI) sah Deutschland im Jahr 2020 nur auf Platz zwölf bei der Gesamtleistung im digitalen Bereich in der EU. Förderprogramme zeichnen sich vor allem durch überbordende Bürokratie und langsamen Abfluss der Mittel aus. Die Bilanz der Digitalisierungspolitik in Deutschland ist in meinen Augen verheerend. Digitalisierung ist eine Querschnittaufgabe, die alle Ressorts betrifft und in jeden Lebensbereich hineinreicht. Es wäre also Aufgabe der Parlamente, die Regierungen in Bund und Land voranzutreiben. Mit parlamentarischen Initiativen und Debatten. Nur durch Druck von unten wird am Ende auch die Bundesregierung einen Schwerpunkt auf die Digitalisierung setzen. Doch genau an dieser Stelle erlebt Deutschland nicht erst seit der Corona-Pandemie einen Totalausfall. Wir brauchen mehr digitalen Sachverstand auf der Entscheider-Ebene, damit wir hier endlich vorankommen.


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