Leserbrief

Leserbrief „Meine Meinung“ – „Nur die halbe Wahrheit über die komplexe Person Frantz Fanon“ – Zum goodnews4-Bericht „Baum der Freundschaft für Frantz Fanon in Baden-Baden“

Baden-Baden, 16.03.2026, Leserbrief In einem Leserbrief an die Redaktion nimmt goodnews4-Leser Boris Fernbacher Stellung zu dem goodnews4-Bericht Baum der Freundschaft für Frantz Fanon in Baden-Baden – Bürgermeister Alexander Wieland vom karibischen Geist inspiriert.

Unter Teilnahme von Bürgermeister Alexander Wieland wurde zum Gedenken an den aus Martinique stammenden Schriftsteller, Philosoph und Psychiater Frantz Fanon in Baden-Baden ein Baum der Freundschaft gepflanzt. Iris Schorn-Wisznewski würdigte in ihrer Rede Frantz Fanon als «einen Menschen, der sich zeitlebens für Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und die Würde des Menschen eingesetzt und gekämpft hat». Diese Aussage ist nicht ganz falsch, aber eben auch nur die halbe Wahrheit über die komplexe Person Frantz Fanon und dessen Wirken:

 

Einerseits ist Fanon wegen seines Kampfes gegen den damals noch viel stärker als heutzutage vorhandenen Rassismus und die Ausbeutung der Völker Afrikas durch die europäischen Kolonialmächte natürlich eine Persönlichkeit, die man ehren kann. Andererseits befürwortete Fanon aber auch in naiver und unverantwortlicher Weise die Anwendung von Gewalt, wenn sie denn den von ihm propagierten Zielen diente. Nach Fanon könnten sich die Unterdrückten nur befreien, indem sie die durch den Kolonialismus erfahrene Gewalt gegen diesen selbst wenden. Für ihn war es deshalb folgerichtig und gerechtfertigt, dass die koloniale Gewalt als Bumerang wieder zurückkommt, und als antikolonial ausgerichtete Gegengewalt die in den westlichen Metropolen lebenden Menschen trifft. Auf dieses Modell zur Rechtfertigung von nackter Gewalt bis zu Terrorismus haben sich dann linke «Freiheitskämpfer» von Che Guevara über verschiedene Stadtguerillias bis zur RAF berufen. Auf antisemitischen Demonstrationen von Pro-Palästina-Aktivisten fanden sich nach dem Hamas-Terror vom 7. Oktober auch Plakate mit der Aufschrift: «Angela Davis, Edward Said, Frantz Fanon – Thinkers we now need». Besonders die Anfangskapitel von Fanons Buch «Die Verdammten dieser Erde» lesen sich wie eine Legitimierung von Gewalt. Wegen diesen auch als Gewaltverherrlichung interpretierbaren Aussagen wurde Fanon nicht nur von Hannah Arendt kritisch gesehen. Arendt reihte Fanon in ihrem Essay «On Violence» von 1970 in die Reihe jener Autoren ein, welche «die Gewalt um ihrer selbst Willen verherrlicht haben».

Historische Persönlichkeit und deren Wirken sind selten nur positiv oder negativ, sondern meist eher ambivalent. Otto von Bismarck – Robert Koch - der Philosoph Martin Heidegger – Paul von Hindenburg – die Komponisten Richard Strauss und Richard Wagner ... Wir sind heutzutage immer schnell bei der Hand, Persönlichkeiten der deutschen Geschichte moralisch an den Pranger zu stellen und ihre Namen tragende Straßen umzubenennen, weil sie nicht ganz unseren heutigen Vorstellungen von Demokratie, Toleranz oder Frauenrechten entsprechen. Bei eher dem linken Spektrum zuzuordnenden oder aus dem Globalen Süden stammenden Persönlichkeiten wie Franz Fanon drücken wir aber gerne beide «moralische Augen» zu, und verehren sie blind. Hier hätte ich mir auch von Frau Schorn-Wisznewski eine differenzierte Darstellung der Person Frantz Fanon gewünscht.

Boris Fernbacher
Baden-Baden

Quellen:

1.) taz: 100 Jahre Frantz Fanon / Mythen waren nicht sein Ding

2.) Ina Kerner: Frantz Fanon in der Politikwissenschaft; in Aram Ziai (Hrsg): Postkoloniale Politikwissenschaft / Theoretische und empirische Zugänge, transcript Verlag, 2016, Seite 71

3.) Telepolis: Von Martinique nach Gaza: Warum Frantz Fanon plötzlich wieder diskutiert wird

4.) Die Süddeutsche: Umstrittene Straßennamen / Ehre, wem keine gebührt


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