Leserbrief
Leserbrief „Meine Meinung“ – Zum Bericht des Freundeskreises Lichtentaler Allee „Kommunale Kulturpolitik in Zeiten leerer Kassen“ – „Ist hier eine Triage erforderlich?
Baden-Baden, 19.10.2026, Leserbrief In einem Leserbrief an die Redaktion nimmt goodnews4-Leser Kurt Krause Stellung zu dem goodnews4-Bericht «Kommunale Kulturpolitik in Zeiten leerer Kassen» – Freundeskreis Lichtentaler Allee sucht die Debatte.
Zunächst einmal ein Dank an goodnews4, den kompletten Bericht des Freundeskreises im Wortlaut abgedruckt zu haben. Zuvor habe ich ihn im BT – einer zu einem Kopfblatt der BNN herunter gekommenen Tageszeitung – gelesen, und der Bericht war gekürzt. Da muss man nicht gleich denken, es gäbe eine Zensur in Deutschland. Aber seltsam ist es schon, wenn all die finanziellen Angaben zum «Stadttheater EUROPAS» nicht erwähnt werden. Das hat bei einem Print-Medium sicher NUR Platzgründe, weil eine Serie über Baden-Baden, damals … als für den Leser wichtiger eingeschätzt wird. Das nennt man medizinisch: Triage.
Für all jene, die der französischen Sprache nicht mächtig sind: Triage ist ein medizinisches Verfahren, um Patienten bei einem Mangel an Ressourcen oder bei einer großen Anzahl an Verletzten nach der Dringlichkeit ihrer Behandlung zu priorisieren. In derselben Situation ist auch der Stadtkreis Baden-Baden. Die Wünsche aus Verwaltung und Gemeinderat übersteigen die Finanzkraft, man muss auswählen, und das kann schmerzhaft sein. Bald ist Weihnachten – und es gilt: ohne Moos, nix los, ach wenn die Stadtverwaltung mal wieder in Optimismus macht.
Einerseits ist man vertraglich verpflichtet, die immer weiter steigenden Defizite des Klinikums Mittelbaden auszugleichen, sogar Patronatserklärungen abzugeben, andererseits ist da das Stadttheater, kein Organ des öffentlichen Rechts, sondern NUR eine Abteilung, wie Stadtbibliothek und städtisches Museum. Freiwillige Leistung der Stadt für seine Bürgerinnen und Bürger. Ja, der Referent des Abends, Ulrich von Kirchbach hat Recht, wies er doch darauf hin, dass «freiwillige» Leistungen gern für Budget-Sanierungen herangezogen werden.
Bleibt die Frage: Warum hat das BT, respektive die BNN, schamhaft verschwiegen, was der Vorsitzende des Freundeskreises zum Stadttheater ausführte? Im Jahr 2025 beliefen sich die Ausgaben für das Stadttheater auf 8,16 Mio. Euro, das sind keine Peanuts, sondern ganz schön teuro! Was könnte man alles damit machen, wenn man die Mittel anderweitig verwenden würde.
Nun, Baden-Baden ist in der glücklichen Lage (?) dank einer Spekulation in alten Zeiten, Casino und Bäder an das Land Baden-Württemberg verloren zu haben und dafür aus dem Vertrag für die Bäder und Kurverwaltung (BKV) jährliche Zuwendungen für Theater, Philharmonie, Tourismus zu erhalten. Im Fall des Theaters sind das 4,1 Mio. Euro, so dass die Stadt 2025 selbst 3,3 Mio. Euro aufwendete. Das Theater erwirtschaftete NUR 0,8 Mio. Euro. Das sind nach Adam Riese 10 Prozent der gesamten Ausgaben. Damit lag Frau May 2025 ca. im Durchschnitt der deutschen Theater. Natürlich fließt von den Personal- und Sachkosten des Theaters auch etwas über die sogenannte «Umweg-Rentabilität» wieder in die Kassen der Stadt zurück, das soll aber hier und heute nicht weiter vertieft werden.
Wenden wir uns nach dem Ausflug ins Jahr 2025 mal dem Jetzt und der Zukunft unseres Stadttheaters zu. Habeamus novum directorem artisticum! Ja, und der will alles neu und natürlich auch besser machen. Wenn der erste Eindruck nicht täuscht, sind die Weichen für die zukünftige Entwicklung des Stadttheaters gestellt – aber mir scheint, das ist ein Zug nach nirgendwo.
Wenn mich nicht alles täuscht, hat Herr Meienreis, der neue Intendant, zunächst einmal die Verwaltung (Presse und Marketing) aufgestockt. Das kennt man aus der Stadtverwaltung auch zur Genüge. Dann hat er wohl einigen Schauspielern gekündigt, so dass er neues frisches Blut in seiner Entourage mitbringen konnte. Pech für ihn, dass Künstlern am Theater schon 15 Jahre vor Ort waren und damit unkündbar geworden sind. Wenn ich dann im BT die halbseitigen Artikel über die Neuzugänge lese, bekomme ich doch Zweifel, dass diese jemals überzeugende Charakterrollen darstellen können. Und wenn man Zeit und Geld in neue Formate steckt und im Kulissenhaus und im Spiegelsaal Schwerpunkte setzt, wird man wohl kaum die von der Stadt budgetierten 10 Prozent der Kosten einspielen können. Mit einer Vielzahl von Aufführungen des Weihnachtsmärchens kann man zwar die Besucherzahlen puschen, weil dann Äpfel und Birnen zusammengezählt werden, aber es mangelt dann doch an den erforderlichen Einnahmen. Dass der Spielplan ein Schlag ins Wasser wird, weil er den Bedürfnissen der zahlungskräftigen, gebildeten Schichten der Stadt konträr ist, habe ich bereits vor einer Woche auf goodnews4 ausführlich dargelegt.
Auf der Veranstaltung des Freundeskreises Lichtentaler Allee war auch Christian Baader, Vorsitzender der Patronatsgesellschaft. Deren Satzung sieht die Unterstützung des Stadttheaters und der Philharmonie Baden-Baden vor. Angesichts des Spielplans kann ich nur hoffen, dass den Mitgliedern und anderen Freunden des Theaters bewusst ist, was es zu erhalten gilt: Drama und Komödie, die so wertvoll sind, dass sie Jahrhunderte überdauert haben und heute noch auf die Bühne gehören. Geschieht dies nicht, geht die Kultur im wahrsten Sinn des Wortes baden und wird belanglos, eben Event. Da kann ich allen, die ihr Theater lieben und den Glauben daran noch nicht verloren haben, den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt nur den Titel einer Streitschrift von Stéphane Hessel zurufen: «Empört Euch!», denn die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Kurt Krause
Baden-Baden
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