Leserbrief
Leserbrief „Meine Meinung“ – Zum Gastkommentar von Inga Dönges zur Premiere „Mutter Courage" in Baden-Baden – „Vielleicht hat der neue Intendant tatsächlich einen Drachen losgelassen“
Baden-Baden, 30.09.2026, Leserbrief In einem Leserbrief an die Redaktion nimmt goodnews4-Leser Oliver Gahn-Schuster Stellung zu dem goodnews4-Bericht «Wird der bestehende Mangel an Zivilcourage nur weiter verwaltet?» – Gastkommentar von Inga Dönges zur Premiere «Mutter Courage» in Baden-Baden.
Sehr geehrte Frau Dönges,
eine interessante Kritik – gerade weil sie aus meiner Sicht sehr viel über den unterschiedlichen Blick auf Theater verrät.
Natürlich kann man diese «Mutter Courage» ablehnen. Man kann die Bühne für überladen halten, die Kostüme für unpassend, die musikalische Bearbeitung für falsch und die Einbeziehung der Gegenwart für überflüssig. Das alles ist legitime Theaterkritik. Aber aus «Das ist nicht Brecht, wie ich ihn sehen möchte» folgt noch lange nicht «Das ist keine Kunst».
Genau an diesem Punkt unterscheiden sich unsere Wahrnehmungen.
Ich bin nicht ins Theater gegangen, um eine möglichst originalgetreue museale Rekonstruktion von Brechts «Mutter Courage» aus dem Jahr 1941 zu sehen. Ich wollte erleben, was ein neuer Intendant und ein neues künstlerisches Team mit diesem Stück im Baden-Baden des Jahres 2026 anfangen. Und genau das habe ich erlebt.
Das Theater selbst beschreibt die Inszenierung als zeitkritische Überschreibung eines Klassikers mit Bezug zur Gegenwart und zur Baden-Badener Stadtgeschichte. Regie führt Nick Hartnagel, die musikalische Bearbeitung stammt von Lukas Lonski.
Dass Brecht dabei nicht einfach «nachgespielt» wird, sondern in unsere Gegenwart hineinragt, ist für mich gerade die Stärke des Abends. Brecht wollte kein Theater, das den Zuschauer gemütlich in einer historischen Welt sitzen lässt. Sein Stück handelt von Krieg, Geschäft, Moral, Opportunismus und der Frage, wie Menschen innerhalb eines Systems handeln, das sie selbst mit am Laufen halten. Wenn eine Inszenierung diese Fragen heute wieder unmittelbar in den Zuschauerraum holt, dann ist das für mich keine Verfälschung, sondern eine mögliche Form, Brecht ernst zu nehmen.
Auch der Rückgriff auf 1962 ist keineswegs beliebiges Lokalkolorit. Damals wurde «Mutter Courage» in Baden-Baden tatsächlich verboten; der damalige Oberbürgermeister Ernst Schlapper war zugleich Vorstand der Bäder- und Kurverwaltung. Die Premiere fand schließlich in Straßburg statt. Dieser Vorgang ist historisch dokumentiert und wird auch vom Theater selbst zum Ausgangspunkt der neuen Inszenierung gemacht.
Und genau hier finde ich die Kritik etwas widersprüchlich: Einerseits wird beklagt, dass das Publikum selbst in der Lage sei, zeitgeschichtliche Parallelen zu ziehen. Andererseits wird der Inszenierung vorgeworfen, eben diese Parallelen überhaupt herzustellen. Ich persönlich bin dankbar für ein Theater, das mir diese Auseinandersetzung nicht abnimmt, sondern mich mitten hineinsetzt.
Ob man Nadine Kettler in dieser Rolle überzeugend findet, ob man die Bühne mag, die Kostüme, die Musik oder die zusätzlichen Handlungselemente – darüber kann und soll man streiten. Ich habe es anders erlebt. Für mich war Kettler eine starke Mutter Courage, das Ensemble geschlossen und die Einbeziehung des Zuschauerraums geradezu körperlich spürbar.
Und dann ist da noch etwas Entscheidendes: Theater muss nicht jedem gefallen. Vielleicht ist genau das die eigentliche Veränderung, die diese Premiere ausgelöst hat. Nach langer Zeit wird in Baden-Baden wieder leidenschaftlich über ein Theaterstück, seine politische Dimension, seine Ästhetik und über die Aufgabe eines Stadttheaters diskutiert.
Für mich ist das kein Zeichen dafür, dass «alles beim Alten» bleibt. Im Gegenteil. Vielleicht hat der neue Intendant tatsächlich einen Drachen losgelassen. Und vielleicht ist es gar nicht die schlechteste Eigenschaft eines Theaters, wenn dieser Drache plötzlich wieder für Gesprächsstoff sorgt.
Mit freundlichen Grüßen
Oliver Gahn-Schuster
Baden-Baden
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