Leserbrief

Leserbrief „Meine Meinung“ – Zum Video mit den AfD-Stadträten Kurt Hermann und Philipp Helber – „Plumpe Geschichtsklitterung aus parteipolitischem Interesse“

Baden-Baden, 02.10.2026, Leserbrief In einem Leserbrief an die Redaktion nimmt goodnews4-Leser Boris Fernbacher Stellung zu dem goodnews4-Bericht Die Revolution in Rastatt war eine gute Sache beim Kampf um die Demokratie – Stadtführung entlang des Revolutionspfads.

Die Stadt Rastatt bietet eine Stadtführung entlang historisch bedeutsamer Punkte der Badischen Revolution von 1849 an. Dass über diese Epoche – in der erste Grundpfeiler unserer heutigen Demokratie erkämpft wurden – und andere Teile der deutschen Geschichte bei einigen Menschen noch viel Nachholbedarf an historischem Wissen besteht, zeigen uns zwei Stadträte der Alternative für Deutschland (AfD). Diese Partei inszeniert sich bundesweit und auch in unserer badischen Region als die Partei von Vaterland und Nationalstolz. Parteitage und Infostände werden mit unzähligen schwarz-rot-goldenen Fähnchen drapiert. Wenn ich mir das Video der AfD auf Facebook mit den AfD-Stadträten Kurt Hermann und Philipp Helber zu unserem Nationalfeiertag am 3. Oktober anschaue, kommen mir aber ernsthafte Zweifel daran, ob die beiden Herren wirklich begriffen haben, was das deutsche Volk und dessen Geschichte ist. Kurt Hermann verkündet stolz, dass «am 3. Oktober unsere Völker wiedervereint wurden». ZWEI Völker? Wir Deutsche waren 1890, 1920, 1945, 1960 und 1985 immer nur EIN Volk! Bundesrepublik Deutschland und DDR waren de facto zwar zwei Staaten (wobei die Bundesrepublik die DDR nie offiziell als Staat anerkannt hat), bestanden aber NIE aus verschiedenen Völkern? Für die Behauptung der Existenz von zwei deutschen Völkern wäre man zu Zeiten von Adenauer, Brandt, Schmidt und Kohl von Politik und Presse öffentlich gesteinigt worden. Auch die Demonstranten in Leipzig und Dresden haben 1989 noch vor der Wiedervereinigung «Wir sind EIN Volk!» gerufen.

 

Geschichtsexperte Hermann stellt dann noch die steile These auf, dass «der Osten, so wie heute auch, die Wiege der Demokratie ist». Note 6, bitte setzen, sagt der Geschichtslehrer. Die «Wiege der Demokratie» wurde 1848/49 gezimmert. Damals gab es in vielen der damaligen deutschen Länder revolutionäre Aufstände. Auch Rastatt und andere badische Städte waren Hochburgen der Revolution. Dort haben Freiheitskämpfer wie Friedrich Hecker, Gustav Struve und viele weitere Helden für Demokratie und Pressefreiheit gekämpft und häufig auch ihr Leben gelassen. Aber für die AfD ist es ja ganz einfach: Man sieht die eigenen sehr guten Wahlergebnisse im Osten und erklärt diesen deshalb einfach mal zur «Wiege der Demokratie». Sorry, aber das ist plumpe Geschichtsklitterung aus parteipolitischem Interesse.

Eine eher humoristische Beilage ist dann der anschließende Auftritt von Philipp Helber: Mit seinem kleinen Sohn auf dem Arm verkündet er im Video, dass «unsere deutsche Leitkultur historisch gewachsen ist, auf Humanismus, Schiller, Immanuel Kant und Beethoven beruht und an unsere jüngere Generation weitergegeben werden muss». Befremdlich nur, dass Herr Helber dieses glühende Bekenntnis zur deutschen Leitkultur ausgerechnet mit einer dunkelblauen New-York-Yankees-Baseball-Cap mit weißem Logo auf dem Kopf abgibt. Statements zum «Deutschtum» in Klamotten der US-amerikanischen Populärkultur? Sind Baseball und New York Elemente unserer deutschen Kultur? Besser als Herr Helber kann man sein eigenes Kulturverständnis nicht ad absurdum führen.

Boris Fernbacher
Baden-Baden


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