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HEUTE GENAU VOR EINEM JAHR: Hans Schindler beklagt Gaststättensterben – "Steuern voll zu Lasten der Gastronomie" – MIT-Vorsitzende Anemone Bippes zählt auf: "Nachtigall", "Waldhorn", "Kühler Krug", "Grüner Baum", "Adler", "Sternen", "Engel", "Laube", "Tra

HEUTE GENAU VOR EINEM JAHR: Hans Schindler beklagt Gaststättensterben – "Steuern voll zu Lasten der Gastronomie" – MIT-Vorsitzende Anemone Bippes zählt auf: "Nachtigall", "Waldhorn", "Kühler Krug", "Grüner Baum", "Adler", "Sternen", "Engel", "Laube", "Tra
Der DEHOGA-Vorsitzender Hans Schindler und MIT-Vorsitzende Anemone Bippes fordern Hilfe für die Gastronomie. Foto: MIT

Baden-Baden, 29.07.2020, Bericht: Redaktion Was war heute vor einem Jahr? Die Schnelligkeit mit der das Leben vergeht ist eine Erfahrung, die man gleich nach den Kindertagen macht. «Ach ja, das schon wieder ein ganzes Jahr her», werden Sie vielleicht sagen, wenn Sie diesen Bericht lesen, den wir vor genau einem Jahr als Aufmacher veröffentlicht haben. Viel Spaß bei dieser ganz kleinen Zeitreise.



Hans Schindler beklagt Gaststättensterben − "Steuern voll zu Lasten der Gastronomie" − MIT-Vorsitzende Anemone Bippes zählt auf: "Nachtigall", "Waldhorn", "Kühler Krug", "Grüner Baum", "Adler", "Sternen", "Engel", "Laube", "Traube"

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goodnews4-O-TON-Interview von Nadja Milke mit Anemone Bippes

Baden-Baden, 29.07.2019, 00:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch Seit acht Jahren wachse die Gastronomie in Baden-Württemberg, wer aber genauer hinschaue, der stelle fest, dass von diesem Wachstum nur Unternehmen im Innenstadtbereich profitieren. Betriebe in den Randgebieten und auf dem Land müssten oftmals schließen. Diese alarmierende Nachricht zum tiefgreifenden Strukturwandel in der Gastronomie fasste Anemone Bippes, Vorsitzende der MIT Baden-Baden Rastatt, nach einem Gespräch mit Hans Schindler, Vorsitzender des DEHOGA Baden-Baden, in einer Erklärung zusammen.

Der ländliche Raum, so Schindler, werde immer mehr zu Wohn- und Schlafstätte. Arbeitnehmer suchten in der Mittagspause nur selten eine Gastwirtschaft auf. Das Mittagsgeschäft sei vielmehr zu Bäcker, Metzger und Discounter abgewandert. Auch der Arbeitskräftemangel machten ihm und seinen Kollegen zu schaffen und eine große Ungerechtigkeit sei die Steuergesetzgebung, die die Gastronomen schwer benachteiligen: «Während auf die fertige Tomatensuppe im Supermarkt 7 Prozent Mehrwertsteuer fällig werden, sind es im Restaurant am Tisch 19 Prozent.» Diese Steuerpolitik gehe voll zu Lasten der Gastronomie, beklagte sich Hans Schindler im Gespräch mit der MIT. goodnews4.de berichtete bereits . Im goodnews4-O-TON-Interview konnte Anemone Bippes zwar nicht mit gesicherten Daten und Fakten aufwarten, doch ihre Beobachtungen lassen kaum Zweifel, dass sich das Gasthaussterben auch in Baden-Baden für viele Menschen fast unmerklich vollzogen hat.

«Man braucht nur in die Region schauen, dann weiß man, dass das alles Realität ist. Nehmen wir Geroldsau, Lichtental, Oberbeuern – da ist die ‘Nachtigall’, das ‘Waldhorn’, der ‘Kühle Krug’, der ‘Grüne Baum’, ‘Cäcilienberg’ und noch andere weggefallen. Oder gucken wir nach Oos, da ist der ‘Adler’, ‘Sternen’, ‘Engel’, ‘Laube’ und ‘Traube’ weggefallen. Und auch im Rebland sieht es nicht anders aus,» zählt Anemone Bippes auf.

Die CDU-Politikerin kann zwar nicht mit einem Patentrezept aufwarten, doch im goodnews4-Interview nennt sie unter anderem steuerliche Erleichterungen für die Gastronomie. Es ist ja auch schwer nachzuvollziehen, dass Fast Food Produkte in diversen Bäckereifilialen und Discountern gekauft und oft genug im öffentliche Raum verzehrt und die Verpackungen dort auch noch entsorgt werden und dafür nur sieben Prozent Mehrwertsteuer erhoben wird.


Abschrift des goodnews4-O-TON-Interviews mit Anemone Bippes, Vorsitzende MIT Baden-Baden/Rastatt:

goodnews4: In einer Erklärung berichten Sie über das Gasthaussterben auch in Baden-Baden. Sie zitieren Hans Schindler, Vorsitzender des DEHOGA in Baden-Baden, wonach vor allem die Gastronomie außerhalb der Innenstadt leidet. Gibt es denn zur Entwicklung der letzten 10 oder 20 Jahren Daten und Zahlen, die Sie vorliegen haben?

Anemone Bippes: Also ich habe keine Daten und Zahlen vorliegen, aber wir hatten ein Gespräch mit der DEHOGA, wo wir ausführlich informiert worden sind. Aber eigentlich braucht man ja nur in die Region schauen, dann weiß man, dass das alles Realität ist. Nehmen wir Geroldsau, Lichtental, Oberbeuern, da ist die «Nachtigall», das «Waldhorn», der «Kühle Krug», der «Grüne Baum», «Cäcilienberg» und noch andere weggefallen. Oder gucken wir nach Oos, da ist der «Adler», «Sternen», «Engel», «Laube» und «Traube» weggefallen. Und auch im Rebland sieht es nicht anders aus. Gleichzeitig fielen ja in den Regionen Geschäfte weg wie Metzgereien, Bäckereien, aber auch Banken und die Post. Das heißt, hier vollzieht sich ein Strukturwandel, der alle Branchen trifft.

goodnews4: Vor allem sind es dann Filialisten und Franchise-Modelle, die folgen und sich auch in den Innenstädten ausgebreitet haben. Gibt es denn Rahmenbedingungen, auf die die Politik einwirken könnte, um das von Hans Schindler als Kulturgut bezeichnete Gasthaus zu erhalten?

Anemone Bippes: Also in Bayern haben sie da zum Beispiel eine Lösung dafür gefunden. In Bayern haben sie ein Förderprogramm für Dorfgasthäuser und dieses Förderprogramm unterstützt Dorfgasthäuser zum Beispiel bei der Renovierung von Gästezimmern und auch bei der Modernisierung der Technik für die Küche oder auch die Kältetechnik.

goodnews4: Ist denn das Thema Mehrwertsteuer ein probates Mittel, um den Gastronomen zu helfen – also 7 Prozent versus 19 Prozent?

Anemone Bippes: Ja, da gibt es Möglichkeiten. Wir haben im Moment eben eine sehr unterschiedliche Besteuerung. Kaufen Sie zum Beispiel eine fertige Tomatensuppe im Supermarkt, dann ist dort sieben Prozent Mehrwertsteuer drauf, kaufen Sie die im Restaurant und sitzen dort und bekommen sie mit einem Teller serviert, dann sind 19 Prozent Mehrwertsteuer drauf. Bestellen Sie sich eine Pizza nach Hause und die ist im Pappteller, dann sind da sieben Prozent Mehrwertsteuer drauf. Hier könnte man eine einheitliche Regelung finden, um auch hier wettbewerbsfähig zu bleiben im Vergleich zu den europäischen Staaten, die hier einen vergünstigten Mehrwertsteuersatz haben, könnten wir fordern, für alle sieben Prozent einzuführen.

goodnews4: Die Stadt Baden-Baden hat sich zu einer umstrittenen Richtung entschlossen, die auf dem Werbespruch «good-good life» beruht, die Oberbürgermeisterin stellt häufig auch ein mit Party-Angeboten agierendes Modehotel in den Vordergrund. Richtet sich Baden-Baden denn neuerdings strategisch zu einseitig auf eine «hippe» Stadt aus? Fehlt eine breite Diskussion über das Potential und die Richtung, die unsere Stadt einschlagen sollte? Gerade die von Ihnen aufgezählten Gasthäuser sind ja eher traditionelle, gutbürgerliche Gasthäuser, die die Touristen, wenn sie nach Baden-Baden kommen neben den ja doch recht beliebigen und austauschbaren hippen Szenerestaurants, die in jeder Stadt sein könnten, vor allem dann auch suchen, wenn sie etwas Authentisches möchten.

Anemone Bippes: Wichtig ist, dass wir alle im Blick haben, egal ob das nun die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt sind oder Besucher aus der Region oder Touristen aus der ganzen Welt. Wir brauchen, um attraktiv zu bleiben, für alle ein Angebot. Dazu gehört auch ein hippes Hotel genauso wie die gehobene Gastronomie, aber auch ein Schnellimbiss und genauso auch die Dorfgasthäuser.

goodnews4: Fehlt eine breite Diskussion über das Potential und die Richtung, die unsere Stadt einschlagen sollte? Das wirkt sich ja auch auf die nächsten Jahrzehnte aus, wenn solche Gasthäuser schließen in den Ortteilen, ist es schwer diese wiederzubeleben in der Zukunft.

Anemone Bippes: Ja, es ist wichtig, dass wir den Ist-Zustand jetzt erhalten, wir können das Rad natürlich nicht rumdrehen und die Gasthäuser, die jetzt weggefallen sind, wieder eröffnen, aber diejenigen, die da sind, muss man auf alle Fälle stärken.

goodnews4: Die Gastronomie konzentriert sich in der Innenstadt auch auf Einrichtungen des Landes, wie das Kurhaus und das Spielcasino, das mit viel staatlichem Geld und Ressourcen gastronomische Einrichtungen fördert. Wird vielleicht auch der Wettbewerb innerhalb der Gastronomie dadurch verzerrt? Müsste man da genauer hinschauen?

Anemone Bippes: Das Wirtshaussterben ist ja kein Phänomen, das sich nur auf die Stadt Baden-Baden bezieht. Das finden Sie in vielen ländlichen Regionen. Und Baden-Baden hat eben den Vorteil, über die sogenannten BKV Verträge Geld vom Land zu bekommen, unter anderem für die Kultur und die Wirtshäuser und die Gaststätten sind ein Kulturgut und fallen damit auch darunter. Dort trifft man sich ja auch nicht nur, um Speisen und Getränke einzunehmen, sondern auch um Feste zu feiern, Geburtstage oder auch Hochzeiten, man trifft sich da ja auch genauso, wenn es einen Todesfall in der Familie gab. Das heißt, das sind Treffpunkte und Orte der Kommunikation und der Begegnung, die auf alle Fälle förderungsfähig sind.

goodnews4: Hans Schindler beklagt auch die Arbeitskräftesituation, da spielen auch Rahmenbedingungen in Baden-Baden eine Rolle, auf die die Kommunalpolitik auch wesentlichen Einfluss hat. Keine Stadt in Baden-Württemberg hat eine so schlechte Prognose wie unsere Stadt gerade vom Statistischen Landessamt vorgelegt bekommen. Für den Bau von Hunderten von Luxuswohnungen sind die Kommunalpolitik und kurioserweise auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk verantwortlich. Für junge Leute, für die sogenannten Normalverdiener, für eben jene, die Arbeit suchen und finden könnten in der Gastronomie und in der Hotellerie, sind die Art von Wohnungen nicht erschwinglich. Sind die Hinweise von Hans Schindler denn Grund genug für einen Attraktions-Check unserer Stadt für die Bürger, damit auch für die Rahmenbedingungen der Arbeitsplätze und nicht nur für die Touristen und Partygäste?

Anemone Bippes: Das Hauptproblem ist zum einen mal das starre Arbeitszeitgesetz und die Bürokratie, das sind die beiden Hauptprobleme. Hier ist in erster Linie mal der Bund gefragt. Im April diesen Jahres hat die MIT im Bund ein Zwölfpunkteprogramm verabschiedet und darin schlägt die MIT unter anderem eine Flexibilisierung der Arbeitszeit vor und zwar statt der täglichen Arbeitszeitgrenze, wie wir es jetzt haben, plädieren wir für eine flexiblere Wochenarbeitszeit, sodass man sich das eben auf die Tage verteilen kann. Genauso ist es bei der Bürokratie. Auch hier ist der Bund gefragt. Im Moment ist es so, dass der Gastwirt täglich 13 Protokolle zu schreiben hat, das geht über die Kühlkette bis hin zu Reinigungsprotokollen, auch über das Reinigen der Spülmaschine. Das heißt, wir müssen dringend Bürokratie abbauen. Für unsere Unternehmer, und da fallen die Gastwirte ja auch drunter, brauchen wir mehr Freiräume und nicht mehr Formalien. Das sind aber Probleme, die natürlich nicht nur die Gastronomie betrifft, das betrifft viele andere Branchen auch. Aber klar, Sie haben Recht, die Rahmenbedingungen hier vor Ort müssen stimmen, die sogenannten weichen Standortfaktoren spielen eine Rolle und dazu gehört bezahlbarer Wohnraum, dazu gehört aber unter anderem auch eine verlässliche und attraktive Kinderbetreuung, damit man eben auch arbeiten kann.

goodnews4: Ich bedanke mich für das Interview, Anemone Bippes.

Anemone Bippes: Ich danke auch.

Das Interview führte Nadja Milke für goodnews4.de.

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goodnews4-O-TON-Interview von Nadja Milke mit Anemone Bippes


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