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Was ist Operette? Was rettete sie denn?

Gelungener Extrakt im Festspielhaus Baden-Baden - „Ich lade gern mir Gäste ein“ - Annette Dasch, Piotr Beczala, Thomas Hampson

Gelungener Extrakt im Festspielhaus Baden-Baden - „Ich lade gern mir Gäste ein“ - Annette Dasch, Piotr Beczala, Thomas Hampson
Foto: Manolo Press/Michael Bode

Baden-Baden, 13.02.2018, Bericht: Inga Dönges «Und fragen Sie, ich bitte, warum ich das denn tu? … ‘S ist mal bei mir so Sitte, chacun à son goût!» Schon sind wir im Wien der «Fledermaus», hier in der Operetten-Gala «Wien, du Stadt meiner Träume».

Exzellente Opernsänger singen Operette − anders geht es nicht! Was ist Operette? Was rettete sie denn? Es begann in Frankreich im 18. Jahrhundert, als sich mit Offenbach und Hervé die Operette von der komischen Oper abzweigte. Ihre Grenzen sind schwankend. Wo ordnet man Jakob «Jaques» Offenbach ein?

Johann Strauß, Sohn, in Wien 1825 geboren und daselbst 1899 gestorben, schuf den originalen Typus der Wiener Operette in klassischen Werken und eroberte damit die Musikwelt. Im gleichen Geist komponierten Franz von Suppé, 1819 − 1895, Carl Millöcker, 1842 − 1899, Robert Stolz, 1880 − 1975. In Franz Léhar, 1870 − 1948, hat die Wiener Operette dann ihren modernen Meister gefunden und ihre Operntendenzen beibehalten und gepflegt.

Das politische Glück der Donau-Monarchie war in der Musik Emmerich Kálmán, 1889 in Siótok/Ungarn geboren und 1953 in Paris gestorben. Peter Hammerschlag, 1902 − 1942, in seiner «Ungarischen Schöpfungsgeschichte»: «Die Operette rettete der ungarische Schlager».

Der Abend bot einen gelungenen Extrakt aus den Operetten der obigen Komponisten, gesungen von Opernsängern. Annette Dasch war dankenswerterweise für die angekündigte Marlis Petersen eingesprungen und mit einem Koffer verschiedener Abendkleider angereist. 1976 in Berlin geboren machte sie schnell internationale Karriere als lyrischer Sopran und vieles mehr − auch im Fernsehen. Gut, dass es auch deutsche Übertitel gab: die Worte waren größtenteils unverständlich, so ähnlich wie bei Wagner-Gesang, dessen Lautstärke hier das «Land des Lächelns» sprengte.

«Freunde, das Leben ist lebenswert» − Piotr Beczala betrat die Bühne, und sein lyrischer Tenor bezauberte und ließ dies glauben. Er wurde 1966 in Polen geboren, absolvierte sein Gesangsstudium in Kattowitz, und dann begann eine steile internationale Karriere zum wohl besten lyrischen Tenor unserer Zeit. Sein samtenes Timbre erinnert an den großen Fritz Wunderlich, 1930 − 1966. Man darf sagen, dass er der Nachfolger ist, da Piotr Beczala ihn als Vorbild sieht und die Ähnlichkeiten akzeptiert: gleiche Stimmfarbe, gleiches Stimmfach. Sein Legato, sein messa di voce, unhörbare Registerwechsel, je leiser umso verständlicher wie auch sein Forte, die Stimme ist gefestigt und er sagt: «Ich habe immer ein bisschen unter meinem Fach gesungen&l raquo;. Es gab bei ihm nie eine Stimmkrise. Das alles bestätigte seine Zugabe «Dein ist mein ganzes Herz», mit dem kleinen «Schluchzer», der einfach dazu gehört und genau dosiert war. So singt also ein Weltstar Operette − Chapeau.

Das nächste musikalische Seelenglück: Thomas Hampson betrat die Bühne. 1955 in der Nähe von Washington geboren und dort aufgewachsen in einer Familie, in der viel gesungen wurde − einfach so. In Schulbands spielte er verschiedene Instrumente und kam schließlich zum Gesangsstudium, war unter anderem Schüler von Elisabeth Schwarzkopf. Sein Ausnahme-Bariton macht ihn zu einem der berühmtesten Opern- und Konzertsängern: «Meine Stimme hat mich gefunden». So sieht er seinen künstlerischen Weg und gleicht darin Piotr Beczala, der sagt: «Irgendwann muss dann jeder seine eigene Stimme finden … und versuchen, auf den Grund zu gehen, wie diese Stimme entstanden ist».

Thomas Hampson konnte einfach alles. Das ungarische «Komm Zigan», den Eisenstein der «Fledermaus», aus dem «Bettelstudent» «Ach, ich hab‘, sie ja nur auf die Schulter geküsst» − alles war echter, komödiantischer Wiener Schmäh. Der Titel dieser Gala «Wien, du Stadt meiner Träume» war erfüllt! Auch wenn man weiß, «es ist alles nicht wahr», Johann Nestroy, so möchte man doch stehenden Fußes dorthin - oder nach Baden bei Wien!

Die Zugabe des Terzetts: «Lippen schweigen» gab dazu den rechten Animo, nicht nur gesungen, sondern auch komödiantisch gespielt. Begleitet hat das Kultur-Orchester Philharmonie Baden-Baden unter ihrem Chefdirigenten Pavel Baleff. Der Wiener würde sagen: «Es hat uns sehr gefreut. Sie haben brav gespielt». Aber es fehlten nicht nur ein Mehr an 1. Violinen und notwendigem Feuer für die Operette. Die 36 festangestellten Mitglieder dieses D-Orchesters hatten sich auf wundersame Weise auf ca. 52 vermehrt. Ein homogenes Ganzes ergab das nicht im Klang. Es gab gute Solisten bei den Holzbläsern, den Hörnern. Aber leider bleiben sie alle im Programm namenlos. Diese großen Opernsänger hätten mehr Qualität verdient. Aber, wie dem auch sei, für die 2.400 Besucher war es ein gelungener Faschingssonntag in einem bis zu den letzten Stehplätzen ausverkauften Haus.

Erfreulich die neue breitere Streuung bei den Zuhörern. Es wurde nicht über den «Millionärs-Club» des Festspielhauses gelästert, sondern mit positiver Neugier das Ambiente genossen, wie man Gesprächen entnehmen konnte. Man kann nicht oft genug betonen, dass dieses Festspielhaus keine Steuermittel für die künstlerischen Produktionen erfordert, sondern sich durch Kartenverkauf, private Stifter und Förderer finanziert. Der Baden-Badener sollte stolz auf den «Alten Bahnhof» sein, Vorstellungen kann man zu geringen Preisen ab 19.00 Euro besuchen. Das liegt unter den Eintrittspreisen im Weinbrennersaal oder im Theater.

Vielleicht hat dieser schmissige Operetten-Nachmittag den Appetit auf mehr geweckt. Für das seit 20 Jahren bestehende Festspielhaus und seine Besucher: Ad multos annos!


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