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Ergebnisse von Einzelhandels- und Touristenbefragung liegen vor

Baden-Badener Rathaus will Einzelhändlern helfen - Zusätzlich 50.000 Euro pro Jahr - Matthias Vickermann: "Leerstände, Billigketten, der klassische Einzelhandel geht weg"

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goodnews4-O-TON-Interview von Nadja Milke mit Matthias Vickermann

Baden-Baden, 12.02.2018, 00:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch Durch eine Untersuchung aufgeschreckt will das Baden-Badener Rathaus den Einzelhändlern helfen. Baden-Baden werde «sowohl regional als auch überregional nicht in dem Maße, wie es sich die Stadt wünscht, als Einkaufsstadt wahrgenommen», heißt es seitens der Stadt zu den Ergebnissen der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung, GMA. Zusätzlich 25.000 Euro im laufenden Jahr 2018 und 50.000 Euro ab 2019 soll der Verein Baden-Baden Innenstadt für Maßnahmen in den nächsten zwei Jahren aus Steuermitteln erhalten.

Am 19. Februar soll der Hauptausschuss und am 26. Februar der Gemeinderat über die Zuschusserhöhung entscheiden. PDF Beschlussvorlage «Einzelhandels- und Touristenbefragung; Vorstellung der Ergebnisse und weiteres Vorgehen»

Im goodnews4-O-TON-Interview nennt Matthias Vickermann, Vorsitzender von Baden-Baden Innenstadt e.V., zu allererst eine Zielgruppe, die das Geschäft der Einzelhändler beleben könnte. Es sei «der Kunde, der es sich in Baden-Baden gutgehen lässt, Spitzenhotels bevorzugt, gut essen geht, das kulturelle Angebot annimmt, sehr viel Geld für diese Dinge in dieser Stadt lässt». Doch Matthias Vickermann erkennt auch, dass das Thema in einem komplexen Zusammenhang steht. Dazu gehört das veränderte Informations- und Einkaufsverhalten durch das Internet, das längst zum am schnellsten wachsenden Vertriebsweg von Nachrichten, aber auch von Waren geworden ist. Da brauche man «gar nicht die große Befragung, denn man sieht ja schon seit den letzten zwei, drei Jahren was wir an Leerständen haben, an Billigketten, die hier reinkommen und der klassische Einzelhandel geht weg».

Matthias Vickermann geht auch auf eine Reihe lokaler Herausforderungen ein, wie die Verkehrs- und Parksituation, aber auch auf die Sicherheit in der Stadt. «Das sind natürlich andere Dinge, da müssen wir in ganz andere Gespräche gehen, weil das geht dann auch nicht nur im Gespräch mit Frau Mergen, mir und zwei, drei anderen, das muss in eine größere Runde&rauqo;, erkennt Matthias Vickermann, dass mit vertraulichen Zurufen auf kleinem Dienstweg eine große Lösung nicht erreicht werden kann.


Abschrift des goodnews4-O-TON-Interviews mit Matthias Vickermann:

goodnews4: Offenbar haben wir uns Baden-Baden als Shopping-Stadt ein bisschen schöngeredet. Eine durch die Stadt in Auftrag gegebene Untersuchung ergab, dass «Baden-Baden sowohl regional als auch überregional nicht in dem Maße, wie es sich die Stadt wünscht, als Einkaufsstadt wahrgenommen wird». Nun will die Stadt Baden-Baden mit einer Erhöhung von Zuschüssen für Ihren Verein Baden-Baden Innenstadt e.V. reagieren. Ist denn schon eine ausführliche Analyse der Befragungsergebnisse mit den Einzelhändlern erfolgt?

Matthias Vickermann: Ja, wir hatten schon zwei Termine, wo wir uns zusammengesetzt haben mit den Verantwortlichen der Firma GMA, mit der Stadt und ungefähr drei, vier weiteren Personen aus dem städtischen Leben, und diese Punkte durchgegangen sind. Und wie es sehr oft bei so Befragungen ist, kam natürlich auch viel, was wir kritisch gesehen haben, aber im Grunde genommen gibt es schon viel wieder, wie es um diese Stadt gerade steht. Da braucht man auch gar nicht die große Befragung, denn man sieht ja schon seit den letzten zwei, drei Jahren, was wir an Leerständen haben, an Billigketten, die hier reinkommen, der klassische Einzelhandel geht weg und da hat einfach die Befragung nochmal einiges erörtert, begründet und dargelegt, aber auch ganz neue Punkte aufgezeigt.

goodnews4: Was sind Ihre Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen der Untersuchung? Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?

Matthias Vickermann: Genau der Punkt − und das ist so eindeutig, das muss man auch nochmal mit anderen Befragungen vergleichen − Baden-Baden wird wirklich nicht so als das Shopping-Erlebnis wahrgenommen. Auch wenn wir viele Dinge haben, die andere Städte nicht haben, erst recht in Bezug auf unsere Größe. Die Hotellerie, die Gastronomie, das kulturelle Angebot, die Naherholung − das ist das, wofür Baden-Baden steht. Und dann gibt es auch noch den Handel. Und wir haben einen ganz tollen Handel, nur wurde er immer ein bisschen stiefmütterlich behandelt und er funktioniert dann, wenn man ihn auch bewirbt. Wir haben die ganzen Jahre über einfach das Problem gehabt, dass das Budget, das wir als BBI hatten, leider nie ausgereicht hat, um Neukunden zu gewinnen. Wir konnten gewisse Dinge planen, aber rauszugehen, um Frankfurter, Schweizer Kunden zu akquirieren, das fiel einfach schwer und das muss man machen, um dauerhaft dieses Offline-Geschäft zu halten und gegen Online vorgehen zu können. Diese Befragung hat das nochmal eindeutig gezeigt, wobei auch viele Ding in der Befragung waren, die ich persönlich etwas kritischer sehe, weil wenn eine Befragung an einer Bushaltestelle über mehrere Stunden gemacht wird, kommt da natürlich ein ganz anderes Ergebnis raus, wenn ich junge Busfahrer in der Mittagszeit befrage, als wenn ich mich zum Beispiel nachmittags vor die Tür des Brenners stelle oder vor dem Museum Frieder Burda oder vor dem Festspielhaus die Gäste befrage. Das muss man differenzieren, wen befrage ich zu welcher Zeit, welche Zielkundschaft und dann bekomme ich natürlich auch ein anderes Bild. Aber das Ergebnis ist oft sehr ähnlich.

goodnews4: Welche Zielgruppen erreicht man denn nicht, die man gerne haben möchte?

Matthias Vickermann: Die, die gerade genannt sind. Der Kunde, der es sich in Baden-Baden gutgehen lässt, Spitzenhotels bevorzugt, gut essen geht, das kulturelle Angebot annimmt, sehr viel Geld für diese Dinge in dieser Stadt lässt. Dessen Meinung ist für uns natürlich wichtig, die bekommt man aber auch schwer, weil jemand, der abends aus dem Festspielhaus kommt, hat gerade nicht viel Lust und Laune, Fragebögen auszufüllen, aber das ist, was wir brauchen, denn das steht für die Kundschaft, die hier in der Innenstadt einkauft. Andererseits ist die Innenstadt aber nicht nur für diese Leute gedacht und insofern muss man immer schauen, und das ist sowohl ein städtisches Problem, wo man sich natürlich auch um Stadtteile kümmern muss, jeder Stadtteil hat ein anderes Shopping-Erlebnis, sprich Nah- und Grundversorgung, als auch das touristische Angebot in der Innenstadt, die zum Teil auch sehr hochpreisig geht. Kurzum, die Befragung hat auch viel geholfen, aber man muss unter dem Strich wirklich sehen, diese Innenstadt ist in den letzten Jahren sehr stark gesunken und es bricht einiges weg und da ist es wie so ein Stein, der gerade abfällt, dass jetzt Gelder zur Verfügung gestellt werden, dass man wieder ein bisschen mehr machen kann, weil sonst beißt sich die Katze in den Schwanz − der Handel läuft nicht mehr, die Händler machen zu, sie kündigen ihre Mitgliedschaft in der BBI, wir haben wieder weniger Geld, das wir ausgeben können, um den Handel anzuregen. Insofern bin ich ganz happy, dass das Signal seitens der Stadt kommt, dass jetzt endlich mal ein bisschen mehr Geld in unsere Kasse fließt.

goodnews4: Das Thema ist ja komplex, das völlig neue Einkaufsverhalten der Menschen durch die Online-Angebote trifft ja die ganze Welt und nicht nur Baden-Baden. Hat man das Thema gemeinsam mit der Stadt ausreichend erörtert − immerhin ist die Stadt bereit Steuergelder einzusetzen?

Matthias Vickermann: Ja, schon seit der ersten Stunde, als ich das Amt angenommen habe, sind Frau Mergen und ich im regen Gespräch, das auch gut oft immer ausgegangen ist. Klar, es ist eine andere Ansicht und ich verstehe natürlich, dass das Geld nicht mannigfaltig vorhanden ist und man überlegen muss, wo man es hingibt. Ich glaube, die Signale sind jetzt einfach da und da bin ich auch froh drum, denn das Geld kommt ja auch wieder zurück. Wenn man weise entscheidet und den Handel unterstützt und die Geschäfte sind wieder gefüllt mit Einzelhändlern und florieren, dann kommen natürlich auch wieder Steuern zurück in die Stadt. Man muss einfach schauen, in so einem Uhrwerk, das wir in der Stadt haben, ist das Zahnrad Handel, das ist in jeder Stadt so, immer das erste, das wegbricht. Und das ist uns jetzt eben auch gerade passiert oder passiert gerade. Und damit ist es jetzt wirklich an dem Punkt, dass wir gegensteuern müssen.

goodnews4: Es gibt ja einige Gründe, die man auch vor einer notwendigen gründlichen Analyse schon weiß. Beklagt werden hohe Parkgebühren, die schwierigen Verkehrsverhältnisse in der Innenstadt, gibt es dafür überhaupt Lösungsansätze?

Matthias Vickermann: Nein, leider noch nicht. Das wäre ein nächster Step. Ich habe auch gerade das Thema Sicherheit ganz oben stehen, die Einbrüche, die hier gerade in letzter Zeit passiert sind, da müssen wir auch gegensteuern. Aber das ist eine andere Sache, weil auch für mein Amt und unseren Verein ist die Hauptaufgabe ja der Marketingzweck, Marketingpläne zu schmieden und zu schauen, wie bekommen wir den Handel angeregt. Ein Parkangebot zu schaffen, das sind natürlich andere Dinge, da müssen wir in ganz andere Gespräche gehen, weil das geht dann auch nicht nur im Gespräch mit Frau Mergen, mir und zwei, drei anderen, das muss eine größere Runde nehmen, das muss in den Gemeinderat, weil dann brauchen wir Lösungen. Wir wissen von dieser Problematik. Die Leute sind heute einfach ganz anders gestrickt. Wenn ich in eine Stadt fahren kann, wo ich keine Parkgebühren zu bezahlen habe, ist das schon ein riesen Anreiz im Verhältnis zu anderen Städten, wo ich vielleicht für die gleiche Zeit sechs, sieben Euro zahle. Man glaubt es kaum, aber es ist so und da muss ich überlegen, wenn ich auf die sechs, sieben Euro verzichte, habe dafür aber die Stadt voll und es wird konsumiert, den Händlern geht es gut und die bezahlen wiederum Steuern, mit was mache ich unter dem Strich mehr Geld? Mit den Gewerbesteuern oder mit den Parkeinnahmen? Es ist noch viel zu tun, mir wird nicht langweilig.

goodnews4: Die Stadt will die Zuschüsse für Baden-Baden Innenstadt e.V. in 2018 von 50.000 auf 75.000 Euro erhöhen und ab 2019 dann jährlich 100.000 Euro an die Einzelhändler bezahlen und empfiehlt Werbekampagnen. Wie wollen Sie an das Projekt Baden-Baden Shoppingstadt nun herangehen?

Matthias Vickermann: Wir haben ja ein paar Dinge, die wir schon seit Jahren machen, auch vor meiner Zeit schon: Das New Pop Festival, das wir jedes Jahr unterstützen mit einem höheren fünfstelligen Betrag, die Beleuchtung in der Innenstadt zu diesem Wochenende, dann die Unterstützung zu den Osterfestspielen, die Weihnachtsdekoration, das sind die Dinge, die wir allemal machen, dann die Bespielung der verkaufsoffenen Sonntage mit Projekten wie dem Kunstprojekt. Wenn ich diese Sachen zusammenaddiere plus noch ein paar Anzeigen, ist das Budget, das wir im Jahr haben, die insgesamt 100.000&lowast, recht schnell aufgebraucht. Mit den zusätzlichen 50.000 Euro, ich spreche jetzt schon mal für das nächste Jahr, oder jetzt 25.000, das ist dann dafür gedacht, was wir manchmal so ein bisschen probeweise ausprobiert hatten, weil das Geld uns sonst einfach gefehlt hätte, beispielsweise für Radiowerbung, in größer angelegte Printwerbung, aber nicht nur hier in der Region, sondern wirklich in Gebieten, wo wir glauben, und es auch belegbar ist, wo Kunden sind, die einfach sagen, gut, das Wochenende verbringen wir in Baden-Baden, nicht nur wegen der Kultur, sondern einfach auch wegen dem Shopping, ich kann da hingehen und habe in dieser kleinen Stadt an einem Wochenende alles, was ich brauche. Ein Rundum-sorglos-Paket und da müssen wir einfach als Shopping-Erlebnis mit auftauchen. Dieser Bezug muss hergestellt werden.

goodnews4: Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Nadja Milke für goodnews4.de

∗Die Zuschüsse werden von der Stadt als sogenannte «Komplementärfinanzierung» gewährt, das bedeutet, dass zumindest in Höhe des öffentlichen Zuschussrahmens privatwirtschaftliche Mittel in gleicher Höhe bereitgestellt werden müssen. 50.000 Euro städtische Zuschüsse und 50.000 Euro Vereinsmittel, ergeben somit ein Gesamtbudget von 100.000 Euro.

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goodnews4-O-TON-Interview von Nadja Milke mit Matthias Vickermann


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