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HEUTE GENAU VOR EINEM JAHR: Parallelen in Freiburg und Baden-Baden zur Würdeverletzung der Synagogen-Grundstücke – goodnews4-VIDEO-Interview mit Francois Blum, Sprecher der Nachfahren der ehemaligen Jüdischen Gemeinde Freiburg

Baden-Baden, 01.07.2020, Bericht: Redaktion Was war heute vor einem Jahr? Die Schnelligkeit mit der das Leben vergeht ist eine Erfahrung, die man gleich nach den Kindertagen macht. «Ach ja, das schon wieder ein ganzes Jahr her», werden Sie vielleicht sagen, wenn Sie diesen Bericht lesen, den wir vor genau einem Jahr als Aufmacher veröffentlicht haben. Viel Spaß bei dieser ganz kleinen Zeitreise.



Parallelen in Freiburg und Baden-Baden zur Würdeverletzung der Synagogen-Grundstücke − goodnews4-VIDEO-Interview mit Francois Blum, Sprecher der Nachfahren der ehemaligen Jüdischen Gemeinde Freiburg − "Steine und Fundamente per Zufall entdeckt"

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goodnews4-VIDEO-Interview von Christian Frietsch mit François Blum

Baden-Baden, 01.07.2019, 00:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch Seit zwei Jahren ist bekannt, dass das Gelände der 1938 niedergebrannten Synagoge in Baden-Baden vertragswidrig als Parkplatz benutzt wird. Der Forderung der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, die Würde des Ortes wider herzustellen kamen die Eigentümer und Gesellschafter des Badischen Tagblatts bis heute nicht nach. goodnews4.de berichtete. In der gedruckten Sonderausgabe goodnews4Extra sind Verträge und andere Dokumente veröffentlicht*.

In Lyon traf goodnews4.de den Sprecher der Nachkommen der Mitglieder der damaligen israelitischen Gemeinde Freiburg zu einem VIDEO-Interview. Eine heftige Auseinandersetzung in Freiburg zeigt eine Reihe von Parallelen zum Fall in Baden-Baden. Das dortige Grundstück, das sich im Eigentum der Stadt befindet, wurde jahrelang als eine Art Planschbecken benutzt. François Blum erklärt, was die Würde der gläubigen Juden verletzte: «Was schrecklich gewesen ist, ist dass man während dieser Zeit die Steine und Fundamente der alten Synagoge vergessen hatte und im Jahr 2016 begann den Brunnen zu bauen.»

Die damaligen Verantwortlichen im Freiburger Rathaus redeten sich offenbar immer wieder heraus, um die profane Nutzung der religiösen Stätte zu rechtfertigen. «Man hat uns gesagt, dass man die Steine und Fundamente per Zufall entdeckt hat, was nicht möglich ist, weil im Jahr 2006 Radaruntersuchungen gemacht wurden, die zeigen, dass es Steine und Fundamente gab, was die Stadt verneint hatte», erklärt François Blum und bejaht die Frage, ob es sich in Freiburg um ein Politikversagen gehandelt habe. Rückhalt fanden die Freiburger Juden aber in der Bevölkerung. «Es gibt wirklich einen großen Kreis von Leuten in Freiburg, die sensibel sind was die Erinnerung und das Gedenken an die israelitische Gemeinde angeht und was die Juden erlitten haben», findet François Blum einen hoffnungsvollen Abschluss des Interviews.

In Baden-Baden fehlt die breite Auseinandersetzung zu diesem Thema ganz offensichtlich mit einer falschen Rücksichtnahme auf die Eigentümer, die doch als Verleger einer Tageszeitung eine ganz besondere Verantwortung für die Geschichte und die Gesellschaft tragen. In Freiburg mussten internationale Medien und die Aktivistin Beate Klarsfeld dem Gedenken an die ermordeten Juden Gehör verschaffen. Es dürfte auch in Baden-Baden keinen Zweifel geben, dass sich auf dem Grundstück der alten Synagoge Steine und Fundamente befinden, die jede andere Nutzung als jene einer Gedenkstätte ausschließen.

*goodnews4Extra ist erhältlich in der Baden-Badener Buchhandlung Straß.


Abschrift des goodnews4-VIDEO-Interviews mit François Blum, Sprecher der Nachkommen der Mitglieder der damaligen israelitischen Gemeinde Freiburg:

goodnews4: François Blum, was ist denn Ihre persönliche Motivation, als Sprecher der ehemaligen Mitglieder der jüdischen Gemeinde Freiburg zu wirken?

François Blum: Sie ist sehr einfach. Eine meiner Urgroßmütter ist in Freiburg geboren. Das heißt, dass ein Teil meiner Wurzeln aus Freiburg stammt – auch aus Ehringen, Breisach, Sulzburg, Mühlheim, Eidstetten und zum Teil auch Emmendingen. Zwischen 2004 und 2007 habe ich drei Jahre lang in Freiburg gearbeitet als Finanzleiter in einer bedeutenden Firma. Dort habe ich wirklich meine Wurzeln persönlich wiedergefunden. Ich bin dort in verschiedenen Dörfern und in der Stadt Freiburg gewesen, wo meine Familie noch bis 1953 ein Familienhaus besaß.

goodnews4: Jetzt sitzen wir ja hier bei Ihnen zusammen in Lyon, François Blum. Trotzdem geht Ihre Orientierung nach Freiburg und die Auseinandersetzungen, die es in Freiburg gab, übrigens auch in Baden-Baden und an anderen Stellen. Die Streitigkeiten um die Grundstücke, der 1938 vernichteten Synagogen in Freiburg und Baden-Baden haben vielleicht auch etwas Gutes. Die Folge war quasi eine Bilanz des gesellschaftlichen Zustands zum Umgang mit der Geschichte der Juden. Was ist denn der Stand in Freiburg? Man hat sich ja lange gestritten. Man hat lange Zeit Auseinandersetzungen gehabt. Was ist denn der Stand jetzt auf beiden Seiten? Es gibt ja auch eine rechtliche Sicht.

François Blum: Es ist sehr einfach. Seit 2004 hat der vorherige Oberbürgermeister das Ziel gehabt, am Ort der alten Synagoge einen gemütlichen und bürgerlichen Standort zu schaffen. Wo die alte Synagoge stand, gab es noch Rasen und Bäume bis 2016 und er wollte dort etwas anderes schaffen für die gesellschaftliche Wirkung im Stadtzentrum. Und weil die alte Synagoge auch wirklich einer der größten Plätze in Freiburg war.

goodnews4: Was war bis zu dem Zeitpunkt dort dann auf dem Platz?

François Blum: Rasen und Bäume, gegenüber von dem Theater. Er wollte etwas machen und hat eine Arbeitsgruppe gegründet mit ziemlich bedeutenden und vielen Bürgerinnen und Bürgern aus Freiburg. Es gab aber nur zwei oder drei Personen aus der jüdischen Gemeinde. Am Ende ist die Idee entstanden, einen Brunnen mit den umrissen der alten Synagoge zu schaffen. Was aber schrecklich gewesen ist, ist dass man während dieser Zeit die Steine und Fundamente der alten Synagoge vergessen hat und im Jahr 2016 begonnen hat den Brunnen zu bauen. Dann hat man uns gesagt, dass man die Steine und Fundamente per Zufall entdeckt hat, was nicht möglich war, weil im Jahr 2006 Radaruntersuchungen gemacht wurden, die zeigen, dass es Steine und Fundamente gab, was die Stadt verneint hatte. Als der Brunnen 2017 eingeweiht wurde, sind die Leute gleich ins Becken gesprungen, um ihre Füße zu waschen. Es ist ein Planschbecken geworden anstatt ein Erinnerungsbrunnen an diesem Ort, was es sein sollte.

goodnews4: War es denn eigentlich, wenn man jetzt zurückschaut auf die letzten Jahre, eine Art fehlende Sensibilität? Hat es daran gemangelt, dass man zu wenige Informationen ausgetauscht hat oder kann man irgendjemandem unterstellen, dass er vorsätzlich unsensibel ist? Das kann man ja eigentlich nicht denken. Man hat wahrscheinlich zu wenig darüber nachgedacht und sich zu wenig auseinandergesetzt.

François Blum: Es stimmt, was Sie sagen. Man hat fast nicht nachgedacht. Ich muss aber sagen, dass Studentinnen, die 2012 ein Video gemacht haben und schon damals gesagt hatten, dass man dort ein Planschbecken schaffen wird. Die Stadt Freiburg, der Gemeinderat, der Oberbürgermeister haben nie daran gedacht, dass das, was sie schaffen wollten, ein Planschbecken sein wird.

goodnews4: Haben sie kritisch darauf hingewiesen?

François Blum: Sie wollten etwas machen und es ist ein Planschbecken geworden.

goodnews4: Daher kam die Inspiration?

François Blum: Ich weiß nicht, ob es eine Inspiration war. Sie wollten einen Brunnen machen. Vielleicht in Erinnerung an die alte Synagoge, aber was es geworden ist, ist total umgekehrt, weil die Stadt nie gesagt hat, was die Bedeutung des Brunnens war. Die Stadt hat nie Hinweistafeln geschaffen, bis die Leute schon im Wasser waren. Man müsste Demonstrationen organisieren nach der Einweihung des Brunnens im September und Oktober 2017, um dem Gemeinderat zu zeigen, dass die Information gar nicht gegeben worden ist. Die Leute wussten nicht, was die Bedeutung des Brunnens war und nicht was für ein Gebetsort dort gewesen ist und dass dort eine Synagoge war.

goodnews4: Es gibt eine Parallele aus jüngerer Zeit, die mehr an eine Satire erinnert. Es gibt diesen Thüringischen Ort Mühlhausen. Dort wollte man das Bratwurstmuseum bauen. Umziehen sollte das Bratwurstmuseum von seinem bisherigen Standort nach Mühlhausen. Der dortige Gemeinderat, das ist eine leichte Parallele nur vielleicht etwas extremer, versprach sich von dem Bratwurstmuseum viel Publikumsverkehr in diesem Ort in Thüringen. Dagegen hat man ja nichts einzuwenden. Nur das war der Platz des ehemaligen KZ-Außenlagers. Und dort ein Bratwurstmuseum, da gehört schon einiges dazu. Was für uns alle natürlich eine peinliche Wende ist, ist dass erst ein Bericht in der New York Times dazu führte, dass die dortigen Honoratioren auch aus der Landespolitik, der Ministerpräsident und die Regierung aufmerksam wurden und in nullkommanichts war das Thema erledigt. Was selbstverständlich ist, dass man an einem religiösen Ort mit diesem Ausmaß kein Bratwurstmuseum einrichtet. Das ist vielleicht sehr exzessiv, aber wie sehen Sie im Nachhinein die Freiburger Situation? War es ein Politikversagen? Die Politik hat sich ja zu informieren. Deshalb wählen wir die Mandatsträger an den richtigen Platz, dass sie in Abwägung der historischen, kulturellen, sozialen und religiösen Dinge, die bei uns eine Rolle spielen, das steht ja auch im Grundgesetz, dass niemand missachtet werden darf nach diesen Kriterien. War es ein Politkversagen?

François Blum: Meiner Meinung nach ja, weil die Absicht war, einen Platz zu betonieren, der eine Wiese war. Dem ehemaligen Bürgermeister ist es gelungen einen Platz zu betonieren mit Granit oder Steinen aus Vietnam und nicht aus Baden und dem Schwarzwald. Man wollte eine Fläche haben, um Demonstrationen, Konzerte oder Politikerversammlungen stattfinden zu lassen. Aber die Erinnerung und das Gedenken an die Vernichtung der damaligen Israelitischen Gemeinde Freiburg, daran hatte man gar nicht gedacht.

goodnews4: Wir haben ja das große Thema der so genannten Raubkunst. Da gibt es eine Richtung. Übrigens auch leider in der Regie der Amerikaner, dass man gesagt hat, da muss auch Gerechtigkeit einziehen, dass Gemälde oder Kunstwerke an den eigentlichen Eigentümer oder den Erben wieder zurückgegeben werden. Da kann man jetzt nicht ins Detail gehen, aber dort ist die Richtung klar. Fehlt es denn an dem historischen Bewusstsein und auch an dem kulturellem und religiösem Selbstverständnis, was die Grundstücke der Synagogen, die 1938 vernichtet wurden, anlangt?

François Blum: Meiner Meinung nach ist das heute nicht mehr der Fall. Freiburg hat letztes Jahr einen neuen Oberbürgermeister gewählt, der sofort verstanden hat, dass die Lage durch seinen Vorgänger geschaffen worden ist. Er hat auch versucht, mit den Nachkommen der Mitglieder der damaligen israelitischen Gemeinde zu diskutieren, was mit seinem Vorgänger völlig unmöglich war. Jetzt können wir natürlich auch mit der Kulturadministration der Stadt diskutieren. Ich bin dreimal eingeladen worden, um an Sitzungen und Gesprächen teilzunehmen, um Lösungen zu finden. Wir sind noch nicht am Ziel, aber es gibt schon ein paar Sachen, die entschieden worden sind. Ich hoffe, dass in den nächsten Wochen der Gemeinderat der Stadt Freiburg ein paar Entscheidungen treffen wird. Was mir leider fehlt, ist die religiöse Bedeutung des Ortes. Es gab dort eine alte Synagoge, die 1869 eingeweiht worden ist. Es gab eine jüdische Gemeinde, die dort gebetet hat. Bis heute will man absolut keine religiösen Zeichen dort bauen oder zeigen, um zu erinnern, dass dort eine Gemeinde von 1.300 Leuten gebetet hat.

goodnews4: Im Prinzip ist natürlich immer die Frage: Wie verhalten sich die Bürger und die Politiker. Jeder, der sich an der Macht halten will, reagiert auf die Politiker, in dem Fall ist die Macht ja nicht nur etwas Schlechtes sondern kann auch etwas gutes sein. Möglicherweise kommt von den Bürgern zu wenig, dass die Politiker reagieren. François Blum, Sie haben gesagt in Freiburg hat man zumindest mal die richtige Richtung, zwar noch nicht das Ziel, aber die richtige Richtung erreicht. Sie haben sich mit dem Thema Baden-Baden natürlich noch nicht im Detail befasst. Sie stehen für die Nachkommen der jüdischen Gemeinde in Freiburg. Wir haben ein Dokument der Baden-Badener Oberbürgermeisterin, in der sie eine Anfrage der Juden für ein Grundstück so beantwortet, dass sie in ganz Baden-Baden kein Grundstück gefunden habe. Die Juden sollten sich nach einem Grundstück auf dem freien Markt umsehen. Die Politiker insgesamt und die in Baden-Baden etablierte Gesellschaft sagen, man will sich bei dem Thema alte Synagoge und altes Synagogengrundstück nicht einmischen. Das sei eine Privatsache. Das Grundstück gehöre einer älteren Verlegerin und die müsse selbst entscheiden, was man da macht. Was ist denn Ihre Empfehlung? Man hat übrigens in dem Staatsvertrag mit den beiden israelitischen Religionsgemeinschaften in Baden-Württemberg keinen Zweifel erhoben, dass man diese Sache als kulturelle Relevanz einschätzt – mal ganz abgesehen von dem religiösen Respekt, den man haben muss – dass eine Synagoge einen großen Rang hat als Kulturdenkmal. Das baut man in Baden-Baden jetzt außerhalb der Innenstadt, am Rande der Innenstadt, an einem Autobahnzubringer. Das ist nochmal ein extra Thema. Was ist denn Ihre Empfehlung aus Ihrer Erfahrung heraus? Wie könnte man denn Vorgehen für jene, die sich mehr und mehr versuchen zu engagieren und sagen: «Das kann man so nicht machen.» Was war denn das Schlüsselereignis bei Ihnen in Freiburg, dass es so ein Umdenken gab langsam? Was müsste man denn tun?

François Blum: Mit Glück habe ich, wie schon gesagt, drei Jahre in Freiburg gearbeitet. Ich habe dort viele Freunde. Ich habe auch in verschiedenen Dörfern und in der Umgebung von Freiburg mit Vereinen Freundschaft geschaffen, die sich kümmern um die Erinnerung und das Gedenken der damaligen israelitischen Gemeinde. Sei es in Emmendingen, Breisach oder Sulzburg oder beispielsweise in Eidstetten auch, dass da Leute tätig sind und auch in Kippenheim. Es gibt wirklich einen großen Kreis von Leuten in Freiburg, die sensibel sind, was die Erinnerung und das Gedenken an die israelitische Gemeinde angeht und was die Juden erlitten haben.

goodnews4: Und auch die Wirkung auf heute.

François Blum: Genau. Diese Leute haben uns unterstützt, um tätig und aktiv zu sein gegenüber der Stadt Freiburg. In den letzten zwei Jahren habe ich intensiv persönlich an die Presse geschrieben. Ich habe auch mit Freunden diskutiert und habe mit Freunden aus Freiburg Demonstrationen im September und Oktober 2017 um den Brunnen organisiert. Die Leute in Freiburg wissen, dass wir natürlich sehr aufmerksam sind, was die Zukunft des Ortes der alten Synagoge betrifft.

goodnews4: François Blum, dann hoffen wir dass wir das so verstehen dürfen, dass das auch ein kleiner Appell war an die Bürger in Baden-Baden, die sich für das Schicksal der Juden interessieren und die Bedeutung der Juden für unsere Gesellschaft insgesamt. Vielen Dank.

François Blum: Danke schön.

Das Interview führte Christian Frietsch für goodnews4.de.

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