Logo goodnews4Plus

Strasbourg als EU-Parlamentssitz in Gefahr

Hilferuf aus Strasbourg nach Deutschland – Department-Chef Bierry: "Deutsche Freunde zurückgewinnen" – Offener Brief von Pierre Klein

Hilferuf aus Strasbourg nach Deutschland – Department-Chef Bierry: "Deutsche Freunde zurückgewinnen" – Offener Brief von Pierre Klein
Ab 1952 tagte die „Gemeinsame Versammlung“ der „Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ in Strasbourg, aus ihr ging dann das Europäische Parlament hervor.

Baden-Baden, 06.11.2019, 00:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch Mit einem aufrüttelnden offenen Brief an den Conseil départemental des Unterelsass, also an die verantwortlichen Politiker des Departements Bas-Rhin, zu dem Strasbourg gehört, reagiert Pierre Klein, Président de l’Initiative citoyenne alsacienne, ICA, auf einen Bericht der Dernières Nouvelles d'Alsace vom Mittwoch letzter Woche. Die Zeitung zitierte Frédéric Bierry, Président du Conseil départemental, über den europäischen Status von Strasbourg:

«Il y a aussi nécessité de reconquérir nos amis Allemands dont on a vu qu’ils ne sont pas des soutiens aussi évidents qu’on pourrait imaginer. Il est absolument nécessaire de construire un lobbying franco-allemand en faveur de Strasbourg.» Übersetzung: «Es besteht auch die Notwendigkeit, unsere deutschen Freunde zurückgewinnen, die wie wir es gesehen haben, nicht so offensichtliche Unterstützer sind, wie man es sich wünschen könnte. Es ist absolut notwendig, ein deutsch-französische Lobbying zugunsten von Strasbourg aufzubauen.»

Kritisch merkt Pierre Klein zur Kritik am fehlenden deutschen Engagement an: «Wir möchten hinzufügen, dass wir sie nicht hätten verlieren dürfen, unsere deutschen Freunde.» So kommt nun in Strasbourg eine Diskussion in Gange, die sich mit einer offensichtlich seit Jahrzehnten fehlenden Kommunikationsstrategie zu Gunsten des Europa-Standortes Strasbourg befasst. Weder seitens der ehemaligen Region, dem Departement oder der Stadt Strasbourg ist eine erkennbare Strategie zu erkennen, die die Positionierung von Strasbourg als Europahauptstadt ins Bewusstsein rückt. Seitens Baden-Württembergs waren es zuletzt die Ministerpräsidenten Lothar Späth und Günther Oettinger, die sich für Strasbourg stark machten. Günther Oettinger unter anderen als Mitbegründer des Fördervereins Coeur de l´Europe. Stuttgart als Partnerstadt tritt derzeit ebenso wenig wie das Land Baden-Württemberg wahrnehmbar für die Rolle von Strasbourg ein. Ein humanistisch geprägtes Gegengewicht zu dem als technokratisch geprägten Brüssel wäre für Strasbourg eine plausible Positionierung.

Anfang des Jahres unterzeichneten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Macron einen neuen Freundschaftsvertrag zwischen beiden Ländern. goodnews4.de berichtete. Ein 100-Mitglieder-Parlament von Deutschland und Frankreich soll die gemeinsame Zusammenarbeit weiter festigen. Jeweils 50 Abgeordnete aus beiden Ländern gehören dem 100-Mitglieder-Parlament an. Bei dessen erster Sitzung im März in Paris gab es gleich eine erste Missstimmung, die durch CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer ausgelöst worden war. In einem Positionspapier forderte sie die Abschaffung des EU-Parlamentsstandortes in Strasbourg. Und auch Wolfgang Schäuble, der bisher sichere Verteidiger des Strasbourg-Standortes, wurde mit den Worten zitiert, dass es «auf lange Sicht» nur noch einen Standort geben solle. goodnews4.de berichtete.


Der offene Brief von Pierre Klein im Wortlaut:

«Unsere deutschen Freunde zurückgewinnen» − Offener Brief an den Conseil départemental des Unterelsass

Sehr geehrter Herr Präsident, Sehr geehrte Frau Rätin, Sehr geehrter Herr Rat,

Die DNAs diesen Mittwochs, 30. Oktober, berichten von folgenden Worten von Präsident Bierry’s über den europäischen Status von Straßburg: «Il y a aussi nécessité de reconquérir nos amis Allemands dont on a vu qu’ils ne sont pas des soutiens aussi évidents qu’on pourrait imaginer. Il est absolument nécessaire de construire un lobbying franco-allemand en faveur de Strasbourg. » Wir möchten hinzufügen, dass wir sie nicht hätten verlieren dürfen, unsere deutschen Freunde.

1949 hielt der Europarat seine erste Sitzung in Straßburg, der Stadt, in der er seinen Sitz bekam. Die Wahl Straßburgs, die auf einen britischen Vorschlag hin folgte, war sehr symbolisch für einen gemeinsamen Willen zum Frieden, für eine Union in Vielfalt und für den Triumph von Vernunft und Recht über mörderischen und brüderlichen Wahnsinn. Weil in dieser historischen Stadt französische und deutsche Nationalismen aufeinanderprallten und weil sich aber auch in dieser Stadt französische und deutsche Kultur trafen und sich befruchteten, konnte der Wiederaufbau nur in Straßburg beginnen.

Als Antwort darauf sollte sich Straßburg der ständigen Herausforderung stellen, für Europa und der Welt ein Symbol der Demokratie, des Zusammenlebens, der Achtung des Andersseins, der Anerkennung der Unterschiede und der pluralistischen Kultur zu sein.

Straßburg und das Elsass waren, lasst es uns absichtlich wiederholen, im Laufe ihrer Geschichte zwar oft Opfer nationaler Gegensätze, aber sie waren auch der Ort, an dem sich zwei große europäische Kulturen, die französische und die deutsche, getroffen haben und gediehen sind. In der Mündung und der Synthese ist Straßburg wirklich straßburgisch und das Elsass elsässisch. . . . und beide europäisch. Damit ist ihre Identität unmittelbar postnational.

Um zu definieren, was für Straßburg und das Elsass spezifisch ist, müssen wir zunächst in Bezug auf ihre Lage denken. Die erste Identität von Straßburg und dem Elsass ist die geographische. Straßburg und das Elsass sind nicht nur ein östliches Ende Frankreichs. Sie sind nicht nur ein Ende Frankreichs, ein «Finistère» (ein Ende der Welt). Sie sind der Anfang des Mitteleuropas, sein westliches Ende. Und vor allem aufgrund ihrer geografischen Lage ergeben sich ihre besonderen Merkmale, Bedürfnisse und Interessen, sei es insbesondere die Zweisprachigkeit, die Kultur, die Wirtschaft, der Verkehr oder die Ökologie. Die grenzüberschreitende Dimension liegt in der DNA des Elsass.

Aber können Straßburg und das Elsass gleichzeitig, während die deutsch-französische Freundschaft auf nationaler Ebene ständig verkündet wird, ihrer historischen und kulturellen Verpflichtung gerecht werden, das Bindeglied sein? Sind sie ein Experimentierfeld für die deutsch-französische Zusammenarbeit im Alltag? Sind sie ein Beispiel und eine Referenz für andere Mitgliedstaaten der Europäischen Union in diesem Bereich? Um ehrlich zu sein hat Frankreich, vom Egalitarismus besessen und in seinem Zentralismus gefangen, in Straßburg und im Elsass nie eine Politik betrieben, die den Herausforderungen gewachsen ist und Straßburg und das Elsass hatten nie über Befugnisse und Mittel dazu verfügt.

1945 war der Anti-Germanismus allgegenwärtig und verständlich. Aber wurde dieser AntiGermanismus nicht gegen einen Teil von uns selbst, unserer «Alsacianitude» (geistiges Elsässertum), gerichtet? Wenn Straßburg und das Elsass durch ein schlechtes Deutschland aus dem Konflikt 1940-1944/1945 traumatisiert wurden und wenn das straβburgische und elsässische Posttrauma jahrzehntelang von einem primären Anti-Germanismus geprägt war, einem zudem teilweise gegen sich selbst gewandten, sollen sie sich damit auf unbestimmte Zeit mit allem was für Abbrüche und Verluste steht, zufrieden geben? Ist die Zeit der Resilienz 70 Jahre später nicht gekommen? Die Zeit des «Werde, wer du bist»*, d. h. der Umsetzung aller ihrer Kapazitäten und Eigenschaften, die Zeit der Blütezeit, die Zeit des Tuns, was man tun kann.

Dieses schlechte Deutschland hat uns dazu gebracht, das zu leugnen, was Straßburg und das Elsass an Deutschem hatten, ich meine an deutscher Kultur, also insbesondere Otfried von Weiβenburg, Gottfried von Straβburg, Sebastian Brant, Jakob Wimpfeling, Johann Fischart, Jörg Wickram, Ernst Stadler, Hans Arp, René Schickele, Albert Schweitzer und viele andere, aber auch ganze Teile unserer politischen Geschichte und Volkskultur. Für die meisten Menschen konnte das Elsass nur wiedergeboren werden, indem man auf nicht-französische Identität verzichtete und mehr Französisch als Frankreich selbst wurde. Hier entstand der allzu berühmte elsässische Komplex und eine Identitätskrise etablierte sich nachhaltig. «Enfin, redde m'r nimm devun!»**

Vergessen wir nicht, dass es ein anderes Deutschland gab, ein gutes Deutschland, und dass das Elsass daran teilgenommen hatte und sogar einen wichtigen Teil zur Ausbildung und Entwicklung der deutschen Sprache und Kultur beigetragen hat. Straßburg und das Elsass sollten das Selbstbewusstsein wiedererlangen, d. h. sie sollten ihr Gedächtnis wieder zurückgewinnen. Indem sie die französische und die deutsche Kultur wieder zusammenbringen, die nie hätten getrennt werden dürfen, und die französische und die deutsche Kultur wieder gegenseitig befruchten, werden sie alles zu gewinnen haben und damit ganz Frankreich. «Es ist nie zu spät, um zu sein, der du hättest sein können.»***

Seit 1945 ist viel Wasser unter den Rheinbrücken geflossen. Wir leben in einer anderen Welt. Nach all der Zeit wäre es gut, wenn Straßburg und das Elsass sich endlich auf einen großen Teil ihrer Vergangenheit stolz zeigen würden. Der erneuerte Stolz und eine Politik der Wiederaneignung und Entwicklung dessen, was sie nie hätten verlieren dürfen, nämlich die Zweisprachigkeit und die zweisprachige Kultur, an der sie teilnimmt, werden es Straßburg und dem Elsass ermöglichen, ein Beispiel zu geben und zweifellos auch unsere deutschen Freunde zurückgewinnen. . . . «Das gute Beispiel ist nicht nur eine Möglichkeit, andere Menschen zu beeinflussen. Es ist die Einzige.»****

Es wird an das Departement des Unterelsass . . . und bereits an die zukünftige Europäische Kollektivität des Elsass appelliert!

*Pierre Klein
Président de l’Initiative citoyenne alsacienne (ICA) -
Bewejung füer d’Zukunft vom Elsass
Bürgerinitiative für Einheit in Vielfalt
sursautalsacien.ica2010.fr

*Friedrich Nietzsche, **Germain Muller, ***Meine Groβmutter, ****Albert Schweitzer


Zurück zur Startseite und zu den weiteren aktuellen Meldungen.


goodnews4-Logogoodnews4Baden-Baden Breaking News kostenlos abonnieren!
Jeden Tag sendet goodnews4.de die wichtigste Nachricht als News-E-Mail.
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!