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80. Jahrestag der Novemberpogrome

Bedauerliche Vorfälle bei Mahnwache in Baden-Baden - Schüler mit antisemitischen Zwischenrufen - Rudolf Engel las aus seinem Buch und hatte passende Antworten

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goodnews4-VIDEO-Interview von Nadja Milke mit Rudolf Engel

Baden-Baden, 09.11.2018, 00:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch Mehrere bedauerlicher Vorfälle begleiteten gestern die heute von 12 bis 14 Uhr nochmals stattfindende Mahnwache zum Gedenken an die Vernichtung der Baden-Badener Synagoge vor 80 Jahren in der Stefanienstraße 5. In Gegenwart von goodnews4-Reporterin Nadja Milke und Teilnehmern der Mahnwache trat ein etwa 12-jähriger Realschüler in Erscheinung und rief: «Alle Juden verbrennen.» Der von Nadja Milke ins Gebet genommene Schüler und seine Mitschüler, die ihn begleiteten, wussten nicht, dass auf dem Gelände unmittelbar gegenüber der Realschule die Synagoge stand und von dem bevorstehenden Gedenktag zu den Novemberpogromen war den Schülern ebenfalls nichts bekannt.

Bei einem weiteren Vorfall mit abfälligen Zwischenrufen von Schülern zeichnete ein Teilnehmer der Mahnwache die Situation per Mobiltelefon auf. Gegenüber goodnews4.de schilderte der Teilnehmer, dass er von einer Lehrerin aufgefordert wurde, die Aufzeichnung mit Rücksicht auf die Schüler zu löschen. Nach Angaben von Teilnehmern der Mahnwache waren auch «Allahu Akbar»-Rufe zu hören.

Zu der vom «Aktionskreis neue Synagoge Baden-Baden» organisierten Mahnwache las gestern auch der Schriftsteller und Künstler Rudolf Engel aus seinem Buch «Dreimal heim ins Reich und zurück». Im goodnews4-VIDEO-Interview hatte Rudolf Engel auch die passende Antworten auf die auch oft heruntergespielten rassistischen und antisemitischen Äußerungen: «Aus meiner Erfahrung, die ich hier geschildert habe, gibt es nur eines: Nicht jeden harmlosen Start von irgendwelchen neuen Unverbesserlichen auch als harmlos aufzufassen, sondern den Anfängen zu wehren und sich energisch gegen jeden wenden, der auch nur wegen eines einzigen Personaladjektivs in seiner Persönlichkeit verfolgt und sogar getötet wird. Das sollten wir doch mit aller Gewalt − nicht mit Gewalt, sondern mit aller Macht sollten wir das verhindern und überall dort, wo sich Gelegenheit bildet, wie hier. Und deshalb bin ich mit meinen 87 auch noch bei dieser Witterung jetzt hier.»

Während der Mahnwache gab es gestern auch hoffnungsvoll stimmende Zeichen. Interssierte Besucher, die sich als Schüler des Markgraf-Ludwig-Gymnasiums zu erkennen gaben, interessierten sich über die Gründen der Mahnwache und kündigten ihren Besuch für die dritte und letzte Mahnwache an, die heute von 12 bis 14 Uhr in der Stephaniestraße am Grundstück der von den Nationalsozialisten vernichteten Synagoge stattfindet.

Mehr zur Geschichte der Juden im Nationalsozialismus in Baden-Baden: «Die Würde des Ortes wiederherstellen» − 128-seitige Sonderausgabe Pogrom vor 80 Jahren in Baden-Baden.


Abschrift des goodnews4-VIDEO-Interviews mit Rudolf Engel:

goodnews4: Rudolf Engel, nicht alle Baden-Badener kennen Sie, was ist denn Ihre Vergangenheit, die Sie jetzt auch hierher zu dieser Mahnwache geführt hat?

Rudolf Engel: Ich bin als Saarländer an der unteren Saar 1931 geboren, habe dort die üblichen allgemeinbildenden Schulen besucht, Abitur gemacht, studiert und bin dann zehn Jahr Volksschullehrer in Saarbrücken gewesen, dann 30 Jahre Professor für Sportpädagogik an der Universität Wuppertal und meine Tochter, die hier beschäftigt ist, hat mich dann als 77-Jährigen zum Ruhestand hier nach Baden-Baden gebracht.

goodnews4: Welche Verbindung haben Sie mit den Ereignissen des 9. Novembers 1938, die Sie auch hierher heute zu dieser Mahnwache geführt haben?

Rudolf Engel: Ich bin aus einer sehr streng katholisch aufgewachsenen Arbeiterfamilie und wohlbehütet an dem Morgen als Messdiener zur Messe gegangen und stoße da unvermittelt auf diese Verbrechen, die da begangen wurden. Zuerst an dem Judenhaus, an dem Schuhmachergeschäft von der Tante Sarah, bei der die Parterre total zerstört wurde, die Möbel zerhackt auf den Misthaufen geworfen, die Bettwäsche aus der ersten Etage und dann die Schuhschachteln mit den neuen Schuhen alle auf die Straße geworfen wurden. Die arme Frau wimmerte auf dem Misthaufen herum und glaubte, von diesem Geschehen noch etwas rückgängig zu machen. Das zweite Bild ist dann passiert, als die Lehrerin in der Schule morgens am 10. November sagte, wir sollten uns auf dem Heimweg nicht aufhalten und nirgendwo stehenbleiben. Ich habe das dann aber doch nicht befolgt, denn sperrangelweit stand die Synagoge auf, die bisher für uns Katholische immer verschlossen war. Und unten waren wieder dieselben Braunhemden und zerhackten mit Beil und Pickel die Bänke und oben waren zwei Braunhemden dabei, den rieseigen Kronleuchter mit diesem tausend blinkenden Glas aufzuschaukeln, sodass er sich aus der Decke aushakte und dann klirrend zu Boden stürzte. Mein dramatisches Ereignis dabei war, dass ich einen von diesen Männern als einen lieben Nachbarn erkannte, der zuhause im Vorgarten das Unkraut rupfte und die Blumen pflückte.

goodnews4: Sie haben ein Buch geschrieben, auch über diese Ereignisse, was ist darin die wichtigste Botschaft?

Rudolf Engel: Diese heutigen Ereignisse sind daraus lediglich ein Ausschnitt. Der Titel heißt: «Dreimal heim ins Reich und zurück.» Wir Saarländer sind 1935 aus dem Völkerbund wieder ins Reich zurückgekommen, wurden dann aber zum zweiten Mal 1939 evakuiert wegen des Krieges und das gleiche passierte dann wieder 1944. Meine Erlebnisse vom 7. bis zum 14. Lebensjahr sind Gegenstand dieses Buches, in dem dann der heutige Tag eine zentrale Bedeutung hat.

goodnews4: Brav feiern wir die Gedenktage gegen Antisemitismus, gegen Faschismus. Reicht das?

Rudolf Engel: Allein schon wenn ich sehe, obwohl darüber publik gemacht wurde, dass hier nur eine Handvoll Leute stehen, von denen die Hälfte wegen mir hierhergekommen ist, dann weiß ich da schon, dass es nicht reicht. Es reicht vor allen Dingen nicht, weil die neueste Studie, die ich gestern Abend in den Nachrichten gehört habe, dass die Tendenz des Antisemitismus überall und speziell in Deutschland zugenommen hat, man spricht sogar von fast einem Drittel, die damit sympathisieren. Aus meiner Erfahrung, die ich hier geschildert habe, gibt es nur eines: Nicht jeden harmlosen Start von irgendwelchen neuen Unverbesserlichen auch als harmlos aufzufassen, sondern den Anfängen zu wehren und sich energisch gegen jeden wenden, der auch nur wegen eines einzigen Personaladjektivs in seiner Persönlichkeit verfolgt und sogar getötet wird. Das sollten wir doch mit aller Gewalt − nicht mit Gewalt, sondern mit aller Macht sollten wir das verhindern und überall dort, wo sich Gelegenheit bildet, wie hier. Und deshalb bin ich mit meinen 87 auch noch bei dieser Witterung jetzt hier.

goodnews4: Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Nadja Milke für goodnews4.de.

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goodnews4-VIDEO-Interview von Nadja Milke mit Rudolf Engel


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