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Alter Synagogen-Standort im Fokus

Verpflichtung der Eigentümer des alten Baden-Badener Synagogengrundstücks im Kaufvertrag entdeckt - "Nicht zu profanen Zwecken zu verwenden"

Verpflichtung der Eigentümer des alten Baden-Badener Synagogengrundstücks im Kaufvertrag entdeckt - "Nicht zu profanen Zwecken zu verwenden"
Werner Hambruch und Leopold Ransenberg fassten eine Verpflichtung des neuen Eigentümers in den §4 des Kaufvertrages.

Baden-Baden, 05.03.2018, 00:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch Am 15. März 1955 waren der Baden-Badener Zeitungsverleger Werner Hambruch und Leopold Ransenberg, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, zum Karlsruher Notariat gekommen, um einen Vertrag zum Verkauf des Grundstücks zu schließen, auf dem die Baden-Badener Synagoge stand. Keiner der beiden Männer konnte wohl davon ausgehen, dass es jemals wieder ein pulsierendes jüdisches Gemeindeleben in Deutschland geben könnte, dennoch einigten sie sich auf eine Verpflichtung für den neuen Eigentümer, die der spirituellen Bedeutung des Platzes Rechnung trägt.

Das Grundstück, auf dem am 10. November 1938 die Synagoge von SS und SA zerstört wurde, gehörte bis dahin der Baden-Badener Jüdischen Kultusgemeinde und war vom unrechtmäßigen zwischenzeitlichen Eigentümer der Stadt nach dem Krieg an die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden übergegangen, weil es den rechtmäßigen Eigentümer, die Jüdische Kultusgemeinde Baden-Baden, nicht mehr gab. Die Mitglieder waren vertrieben oder ermordet worden. Werner Hambruch und Leopold Ransenberg verständigten sich auf eine Verpflichtung des neuen Eigentümers und fassten diese in den §4 des Kaufvertrages: «Der Käufer verpflichtet sich ferner das Kaufgrundstück nicht zu profanen Zwecken zu verwenden.» Was dies bedeutet, könnte sich aus dem ähnlich gelagerten Fall in Freiburg ableiten, der sich jedoch dadurch unterscheidet, dass sich das Grundstück in Freiburg nicht im privaten, sondern im Eigentum der Stadt befindet.

Als am 29. September 2016 in Freiburg Fundamentreste auf dem alten Synagogengrundstück gefunden worden waren, wurden die Bauarbeiten sofort eingestellt. Bereits vor den Funden war klar, dass das Grundstück nicht bebaut werden soll. Der nun realisierte Siegerentwurf eines Gestaltungswettbewerbs sah ein flaches Wasserbecken im Grundriss der Synagoge vor. Dieser Brunnen solle einerseits als Mahnmal dienen und andererseits den Platz zu «einem lebendigen Ort der Begegnung» machen. Alle Beteiligten waren mit dieser Lösung sehr zufrieden, heißt es auf der Internetseite der Stadt Freiburg. Nach den Funden der spirituell bedeutenden Mauerreste entflammte eine neuerliche Diskussion über die Gestaltung des Platzes. Die Rechtsgrundlage des Denkmalschutzes dürfte auch für das Grundstück in Baden-Baden gelten, wo sich das Grundstück der alten Synagoge im Eigentum von Gesellschaftern des Verlages des Badischen Tagblatts befindet. «Für die Einstufung als Kulturdenkmal definiert das Denkmalschutzgesetz drei Kriterien für den Erhalt, von denen nur eines erfüllt sein müsste: Künstlerische, heimatgeschichtliche und wissenschaftliche. Der heimatgeschichtliche Wert ist nach Jenischs∗ Einschätzung eindeutig. Daneben sind die Funde aber auch wissenschaftlich bedeutend, weil außer Fotos keine weiteren Dokumentationen oder gar Reste des Gebäudes erhalten sind. Nach Paragraph 6 des Denkmalschutzgesetzes ergibt sich daraus die Pflicht, diese Fundamentreste zu erhalten», zitiert von der Internetseite der Stadt Freiburg. www.freiburg.de Der neu gestaltete «Platz der Alten Synagoge» wurde im August 2017 offiziell eröffnet.

Nach den jüngst bekannt gewordenen Plänen des Zeitungsverlages, den Standort in der Stefanienstraße zu verlassen, dürfte es nun einigen Grund geben, über die rechtliche Situation des derzeit als Parkplatz genutzten Platzes nachzudenken. Bereits 1948 war in einer Vereinbarung mit Stadt, Land und Gemeinde festgehalten worden, dass der Platz in Freiburg in keiner Weise genutzt werden dürfe, die eine «Profanierung darstellen könnte». Auch in dem Kaufvertrag, den Werner Hambruch und Leopold Ransenberg 1955 abgeschlossen haben, ist diese Verpflichtung durch den Käufer des Grundstücks zugesagt. Nach Einschätzung von Denkmalschützern ist die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass auch in Baden-Baden Mauerreste auf dem Grundstück der alten Synagoge zu finden sind. Sollte dies zutreffen, wird nicht nur der Begriff der «profanen» Verwendung zu klären sein, sondern auch die Auflagen des Denkmalschutzes.

∗Anmerkung der Redaktion: Dr. Bertram Jenisch, Gebietsreferent Archäologische Denkmalpflege, Landesamt für Denkmalpflege, Dienstsitz Freiburg, Referat: 84.2 www.denkmalpflege-bw.de


Chronik Synagoge Baden-Baden − Wichtige Daten von 1899 - 2018

1899: Einweihung der von Ludwig Levy erbauten Synagoge in der Stefanienstraße in Baden-Baden.

1913: Freifrau Mathilde von Rothschild aus Frankfurt stiftet ein Erholungsheim für mittellose kurbedürftige Frauen und Mädchen israelitischen Glaubens.

1919/20 : Antisemitische Veranstaltung und Ausschreitung in Baden-Baden.

1937: 20. Januar: Jüdischen Bürgern und Gästen wird der Thermenbesuch, Handel und Erwerb von Grundstücken verboten.

1938: 10. November: Zerstörung der Synagoge, Deportation von 52 jüdischen Männern in das KZ Dachau.

1940: Deportation von jüdischen Mitbürgern nach Auschwitz.

1941: 3. November: Das Synagogengründstücks geht von der Jüdischen Kultusvereinigung Baden-Baden an die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland.

1942: 3. September: Für 14.000 Reismark «abzüglich der Kosten für den Abbruch der Synagoge» geht das Synagogengrundstück von der Reichsvereinigung der Juden in Deutschlandan an die Stadt Baden-Baden.

Ab 1945 verwaltet das badische Landesamt für kontrolliertes Vermögen das Synagogengrundstück.

1949: 23. Februar: Das Synagogengrundstück geht von der Stadt Baden-Baden in den Besitz der Israelitischen Landesgemeinde Südbaden, Freiburg, über.

1955: 15. März: Werner Hambruch kauft für die Firma Ernst Kölblin für 50.000 DM das Grundstück der alten Synagoge von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden.

1956: Wiederbegründung der Jüdischen Gemeinde, die Gemeinde war lange nicht tätig, da es an die Mindestzahl von 10 Männern fehlte

 

1992: Erneute Einweihung des renovierten Betsaales in der Werderstraße.

2017: Israeltische Religionsgemeinschaft Baden erwirbt Grundstück am Autobahnzubringer, Fürstenbergallee, für den Bau einer neuen Synagoge und eines Gemeindezentrums nach jahrelanger erfolgloser Suche nach einem Grundstück. goodnews4.de berichtete.

2017: Michael Schuncke, Zeitzeuge der Zerstörung der Synagoge, meldet sich zu Wort. goodnews4.de berichtete.

2018: Absage durch die Stadt Baden-Baden. Roland Seiter, Sprecher der Baden-Badener Oberbürgermeisterin, bestätigt gegenüber goodnews4.de schriftlich, dass es eine Absage durch die Stadtverwaltung bei der Suche eines Grundstücks gegeben hat. goodnews4.de berichtete.

2018: Absage durch das Badische Tagblatt im Namen der Eigentümer. goodnews4.de berichtete.

2018: Hannes Elster Verleger des Buches „Verbrannter Traum“ meldet sich zu Wort. goodnews4.de berichtete.

2018: Prof. Alfred Grosser, meldet sich zu Wort. goodnews4.de berichtete.

2018: Dr. Walter Rothschild meldet sich zu Wort. goodnews4.de berichtete.

2018: Demonstration «Juden in der Mitte der Gesellschaft» des Aktionskreises Neue Synagoge auf der Fieserbrücke in Baden-Baden. goodnews4.de berichtete.


Bild Erste Seite des Kaufvertrags von 1955 für das Synagogengrundstück

Bild Letzte Seite des Kaufvertrags von 1955 für das Synagogengrundstück


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