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Zermatt seit 1931 autofrei

Gemeindepräsidentin von Zermatt macht Baden-Baden Mut - Autofrei, aber "the most walking place in the world" - goodnews4-Interview mit Romy Biner-Hauser

Gemeindepräsidentin von Zermatt macht Baden-Baden Mut - Autofrei, aber "the most walking place in the world" - goodnews4-Interview mit Romy Biner-Hauser
Zermatt im Südschweizer Kanton Wallis liegt auf 1.600 Metern Höhe am Fuß des berühmten Matterhorns. Foto: Zermatt Tourismus

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goodnews4-O-TON-Interview von Nadja Milke mit Romy Biner-Hauser

Baden-Baden, 10.01.2019, 00:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch Kontrovers wird die Diskussion zur Überlegung einer autofreien Innenstadt in Baden-Baden geführt, nachdem SPD-Stadtrat Werner Schmoll die Idee des ehemaligen Oberbürgermeisters Walter Carlein wiederbelebte. In einem goodnews4-O-TON-Interview mit Romy Biner-Hauser, Gemeindepräsidentin von Zermatt, wird klar, dass diese Überlegungen einer gründlichen Meinungs- und Willensbildung bedürfen. Argumente sind schnell bei der Hand, ob diese zutreffen, bedarf der Klärung. Ob Einzelhandel, Hotellerie und Gastronomie Schaden nehmen würden oder Gewinner wären, ist offen.

Einigkeit sollte darüber herrschen, dass eine gründliche Auseinandersetzung stattfinden sollte, wie es Baden-Baden bei weitreichenden Entscheidungen eher nicht kennt. Siehe Wohnungsbauprojekte SWR und Vincentius. Auch wenn das autofreie Zermatt historisch, strukturell und topografisch andere Voraussetzungen mitbringt, hat die Gemeindepräsidentin von Zermatt eine klare Haltung.

«Das ist ein guter Entscheid, wenn sich eine Gemeinde für so einen Weg entscheidet. Ich denke, im Zeitalter der Mobilität und der dahingehenden Veränderung, dass man achtsamer mit Automobilität umgehen sollte, mit der Mobilität generell und ein bisschen wegkommen von Verbrennungsmotoren, kann so ein Entscheid im Rahmen der Nachhaltigkeit bestimmt helfen», macht Romy Biner-Hauser im goodnews4-O-TON-Interview Mut. Schon 1931 und nochmals in den vierziger Jahren hatten sich die Einwohner von Zermatt für einen autofreien Ort entschieden. Heute zählt Zermatt rund 6.000 Einwohner, die Baden-Badener Innenstadt zählt 11.000 Einwohner. Zermatt bringt es auf zwei Millionen Übernachtungen, etwa doppelt so viele wie Baden-Baden. Bis zu 35.000 Menschen leben dann in der Hochsaison in Zermatt.

Nach fast 90 Jahren Erfahrung als autofreier Ort gibt es für Romy Biner-Hauser, deren Position mit einer Bürgermeisterin zu vergleichen ist, keinen Zweifel: «Das Beste, was wir je tun konnten und unsere Vorfahren getan haben. Das ist in aller Munde bekannt, erstaunlicherweise gibt es immer wieder Gäste, die sagen: ‘Ach, wir wussten gar nicht, dass wir mit dem Auto nicht hochfahren dürfen.’ Also etwas besseres hätte man für einen Weltkurort wie Zermatt nicht machen können. Und auch das Image, das es nach außen trägt, dass man mit einem Dorf mit städtischem Charakter auch ohne Autos leben kann, dass sich das durchaus bewährt.»

Die Schmerzgrenze in Baden-Baden wäre vielleicht erträglich, würde man den Vorstellungen von Walter Carlein folgen, der den autofreien Teil der Innenstadt vom heutigen Festspielhaus bis zum Augstaplatz und vom Kurhaus bis zur Caracalla-Therme eingrenzte. Folgt man den Hinweisen von Alexander Uhlig, wird aus verschiedenen Gründen eine Erweiterung der Fußgängerzonen womöglich unvermeidlich. So an der Fieserbrücke, deren Sanierung aus statischen Gründen demnächst die Chance für eine autofreie Probe sein könnte. Jedenfalls wird eine gründliche Auseinandersetzung des Themas kein Schaden sein. In Zermatt jedenfalls gebe es nur Gewinner durch den Status einer autofreien Stadt. «Wir sind der ‘most walking place in the world’», sagt die Gemeindepräsidentin zur Frage, ob denn die Menschen wegbleiben ohne Auto.


Abschrift des goodnews4-O-TON-Interviews mit Romy Biner-Hauser, Gemeindepräsidentin von Zermatt:

goodnews4: Frau Biner-Hauser, in Baden-Baden wird über eine autofreie Innenstadt diskutiert, was gibt es zur Geschichte und den Gründen zu der Entscheidung, Zermatt zu einer autofreien Gemeinde zu machen, zu sagen?

Romy Biner-Hauser: Das ist ein guter Entscheid, wenn sich eine Gemeinde für so einen Weg entscheidet. Ich denke, im Zeitalter der Mobilität und auch der dahingehenden Veränderung, dass man achtsamer mit Automobilität umgehen sollte, mit der Mobilität generell und ein bisschen wegkommen von Verbrennungsmotoren, kann so ein Entscheid im Rahmen der Nachhaltigkeit bestimmt helfen.

goodnews4: Zermatt ist ja schon sehr, sehr lange eine autofreie Gemeinde. Welche Gründe führten denn damals zu der Entscheidung in Zermatt?

Romy Biner-Hauser: Ich muss dazu ausführen, Zermatt ist ja nur auf einem Weg erreichbar, es ist am Ende von einem Tal und da führt nur der Weg hin, es gibt keine andere Erreichbarkeit. Man hat schon 1931 entschieden, dass keine Autos bis nach Zermatt durch das Tal fahren dürfen. Und das hat natürlich in der Entwicklung geholfen. Wenn die Fahrzeuge nicht anreisen können, so können sie auch gar nicht bis ins Dorf kommen. Wohlweislich hat dann die Bevölkerung von Zermatt bereits in den 40er Jahren nochmal entschieden, dass man keine Autos im Dorf selbst haben möchte, nicht zuletzt auch aufgrund der Platzverhältnisse.

goodnews4: Was ist denn das Fazit heute zu dieser Entscheidung?

Romy Biner-Hauser: Das Beste, was wir je tun konnten und unsere Vorfahren getan haben. Das ist in aller Munde bekannt, erstaunlicherweise gibt es immer wieder Gäste, die sagen: «Ach, wir wussten gar nicht, dass wir mit dem Auto nicht hochfahren dürfen.» Also etwas besseres hätte man für einen Weltkurort wie Zermatt nicht machen können. Und auch das Image, das es nach außen trägt, dass man mit einem Dorf mit städtischem Charakter auch ohne Autos leben kann, dass sich das durchaus bewährt.

goodnews4: Gibt es denn auch Hindernisse oder Probleme, die Sie bei der Umsetzung dieser Entscheidung bewältigen müssen?

Romy Biner-Hauser: Der ganze Transport von Personen und Gütern will ja trotzdem gewährleistet sein und dafür hat man ein eigenes Verkehrsreglement erarbeitet, wie das ablaufen soll und kann, und hat in dem Verkehrsreglement die Fahrzeuge definiert, die den Auftrag erfüllen können. Und das sind kleine Elektrofahrzeuge, die dem genauen Aussehen und Maß entsprechen, und das sind zu 99 Prozent Eigenfabrikate, die in Zermatt produziert werden, und die fahren herum. Ich meine, wenn man so einen Entscheid fällt, muss man sich natürlich auch der Konsequenzen bewusst sein, weil früher waren es die Pferde, heute sind es die Elektrofahrzeuge − was kommt in den nächsten 20 oder 30 Jahren? Das weiß ich leider heute noch nicht, das wissen dann unsere Nachkommen. Aber nur sagen, kein Verkehr, mit dem Entscheid ist es noch nicht gemacht.

goodnews4: Wie ist denn die Resonanz der Bevölkerung, ist sie bis heute nur pro oder gibt es auch Kritiker?

Romy Biner-Hauser: Innerorts, also im Dorf selber, gibt es keine Kritiker, null, gar nicht. Wo es Kritiker gibt, ist im Zusammenhang mit der Erreichbarkeit von Zermatt, also jemand, der nicht ortsansässig ist, kann mit seinem Auto nur bis zum Dorf Täsch, das ist fünf Kilometer vor Zermatt, fahren und muss dann auf den Zug umsteigen. Dort gibt es kritische Stimmen, die sagen, es müsste ja für jedermann erreichbar sein mit dem Auto, aber dann haben wir wieder das Problem von dem Platz.

goodnews4: Kann man denn sagen, dass es in Zermatt neben den Gewinnern auch Verlierer wegen der autofreien Innenstadt gibt?

Romy Biner-Hauser: Nein, wir sind der «most walking place in the world»! Man muss zu Fuß gehen, weil ein Fahrzeug kriegt nur ein Unternehmen, das entweder Gäste beherbergt ab einer gewissen Größe oder ein Unternehmen, eine Firma − Lebensmittelbedarf, Baufirma, was auch immer − und sonst laufen hier alle. Das hat natürlich einen positiven Nebeneffekt und das ist die Gesundheit. Also Nachteile für jemand, der nicht gerne zu Fuß geht, für den ist das vielleicht weniger witzig, aber Leute, die hier herziehen, ziehen ganz bewusst aus dem Grund hierher und lernen das zu lieben und zu schätzen.

goodnews4: Können Sie uns zum Abschluss, Frau Biner-Hauser, noch einige Sätze sagen zu Zermatt für unser Leser und Zuhörer, die vielleicht noch nicht in Zermatt waren? Was sind denn die wichtigsten Daten und Fakten, die man wissen sollte über Zermatt? Dass es eine autofreie Gemeinde ist, das wissen wir jetzt, aber wie viele Einwohner hat Ihre Gemeinde und wie viele Gäste besuchen Zermatt jährlich?

Romy Biner-Hauser: Das ist unsere Krux, die wir haben, also unsere große Herausforderung. Wir sind in der Schweiz ganz im Süden unten an der Grenze zu Italien, gesegnet mit dem Anblick von dem schönsten Berg, wenn ich das so sagen darf, dem Matterhorn, der über uns thront und uns so maßgeblich prägt. Wir sind knapp 6.000 Einwohner, die das ganze Jahr über hier leben, und in der Hochsaison wachsen wir an zu einer Stadt von bis zu 35.000 Menschen. Also innerhalb von einer Nach versechsfachen wir uns und das sind natürlich Bedürfnisse, die sichergestellt und abgedeckt sein wollen, nicht nur verkehrstechnisch, sondern auch mit Unterkünften, Wasser, Abwasser, Strom, was alles dazu gehört. Das ist Zermatt, ein kleines Dorf, aber in der Saisonzeit, vor allem im Winter und in den Sommerhochsaisonmonaten, sind wir eine Kleinstadt. Und wenn Sie das vielleicht noch interessiert: Wir generieren an die zwei Millionen Logiernächte pro Jahr.

goodnews4: Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Nadja Milke für goodnews4.de.

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goodnews4-O-TON-Interview von Nadja Milke mit Romy Biner-Hauser


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